Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Dürr schrieb für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Samstagsausgabe) folgenden Gastbeitrag:

Haben Sie schon mal Ihren Samstag mit der Familie auf dem Fußballplatz verbracht? Mir geht es regelmäßig so, und jedes Mal bin ich aufs Neue beeindruckt von der Leistungsbereitschaft der Kinder. Sie stehen früh auf, laufen voller Energie auf den Platz und wollen sich beweisen. Sie wollen gewinnen. Und wenn man — noch etwas müde — mit einem Kaffee am Spielfeldrand steht, versteht man, dass das Leistungsprinzip entscheidend dafür ist, dass junge Menschen sich anstrengen und Freude daran haben. Die Politik kann viel davon lernen. Das Leistungsprinzip ist kein abstraktes Konzept, im Gegenteil.  Jeder Fußball-Fan weiß: Die Differenzierung nach Leistung kann enorme positive Kräfte freisetzen. Darum geht es. Unsere Gesellschaft als Ganzes kann nur vorankommen, wenn jeder Einzelne sein Potential entfalten kann — und das macht die Politik derzeit allen, die etwas leisten wollen, besonders schwer. Auf der einen Seite stehen die extremen Parteien links und rechts, für die der Reformstau der Nährboden ist. Auf der anderen Seite stehen die Status-quo-Parteien, denen die Kraft zur Veränderung fehlt. Auch die FDP war lange Teil dieses Lagers. Heute müssen wir feststellen, dass vor allem der fehlende Mut zur Veränderung die extremistischen Ränder gestärkt hat. Für mich ist klar, dass das nicht so bleiben kann. Die FDP wird nicht länger Teil eines Systems sein, das kaum Veränderung ermöglicht. 82 Prozent der Deutschen halten unpopuläre Reformen für notwendig. Nicht die Menschen zögern also, sondern die Politik. Unser Land hat alle Chancen, aber die Politiker ergreifen sie nicht. Die Freien Demokraten wollen das tun.

Für mich ist klar, dass wir wieder aufs Leistungsprinzip setzen müssen. Das gilt nicht nur für Betriebe oder Arbeitnehmer, sondern auch für Politiker und staatliches Handeln. Um das zu erreichen, wird die FDP die Kraft sein, die mit radikalen Reformen die Chancen des persönlichen Erfolgs in den Mittelpunkt stellt. Dafür entwickeln wir ein neues Grundsatzprogramm, aber drei Grundpfeiler stehen für mich fest.

Erstens: Wir werden die Sozialversicherung radikal neu denken, denn das Umlagesystem ist ein Irrweg. Es vermittelt das Gefühl des Sparens für künftige Lebensrisiken, während in der Realität kein Cent gespart wird. Einzig Politiker haben profitiert, weil sie über Jahrzehnte Versprechen zulasten künftiger Beitragszahler machen konnten. In diesen Tagen streitet die Koalition über ein Rentenniveau von 47 oder 48 Prozent. Ich habe keine Lust mehr auf diese Debatten, denn wir brauchen einen echten Systemwechsel. Ab sofort sollte jeder in eine kapitalgedeckte Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung mit individuellen Eigentumsrechten einzahlen können. Der erste Schritt wäre schnell getan: Würde die Regierung auf das milliardenschwere Rentenpaket verzichten, das nur dem Erhalt des Status quo dient, wäre die Aktienrente bereits finanziert. Solche Reformen sind nicht bequem. Aber Ehrlichkeit und radikaler Mut zur Neuausrichtung der sozialen Sicherung ist der einzige Weg zu einem gerechten und soliden Sozialstaat.

Zweitens: Die niederschmetternden Schulleistungsstudien haben wir zu lange hingenommen. Wir müssen endlich den bildungspolitischen Irrweg der Gleichmacherei verlassen, denn es wäre ein Fehler, Schülern die Freude am Lernen zu nehmen. Kinder, die es schwer haben, müssen gezielt gefördert werden, aber keinesfalls darf sich eine Klasse an den langsamsten Lernern orientieren. Leistung entsteht nicht per Verordnung. Sie entsteht, wenn Lehrkräfte klug entscheiden können, welchen Stoff sie wann und wie vermitteln, am Ende aber deutschlandweite Prüfungen nach internationalen Standards erfolgen. Leistung muss wieder das oberste Bildungsziel sein — denn dahinter stehen Aufstiegschancen. Künftig sollte über Sprachtests sichergestellt werden, dass nur Kinder eingeschult werden, die Deutsch sprechen. Und wir müssen uns entscheiden: Wollen wir bessere Bildung? Oder mehr Geld für Soziales und Umverteilung? Die FDP entscheidet sich gegen den überbordenden Sozialstaat und für den Bildungsstaat. Wir wollen Aufstieg durch Bildung zur staatlichen Kernaufgabe machen. Ein Land, in dem das Elternhaus mehr zählt als der Fleiß eines Kindes, kann sich nicht liberal nennen.

Und drittens: Unser Land muss mehr Risiko wagen. Seit vielen Jahren geht es vor allem um Risikovermeidung: Datenschutz, Denkmalschutz, Alles-mögliche-Schutz. Während andere bei KI und Kernenergie vorangehen, erfindet Deutschland neue Regeln statt neuer Geschäftsmodelle. Das Ergebnis: Kosten, kaum Innovation, eine stagnierende Wirtschaft. Diese Risikoscheu führt dazu, dass niemand Verantwortung übernimmt. Doch ein Land, das Wohlstand erhalten will, braucht Mut zur Entscheidung. Das deutsche Arbeitsrecht etwa führt dazu, dass Unternehmen bewusst neue, gut bezahlte Jobs im Ausland schaffen, aber nicht bei uns. Der Kündigungsschutz verhindert heute keine Kündigungen mehr, sondern dass neue Jobs entstehen. Nur mit einer Rückkehr zu mehr Freiräumen und marktwirtschaftlichem Denken stärken wir unsere Wettbewerbsfähigkeit. Zugleich muss sich Leistung für jeden Einzelnen lohnen, indem Steuern und Abgaben spürbar sinken. Von jedem verdienten Euro, egal ob Minijobber oder Millionär, müssen immer mehr als 50 Prozent übrig bleiben — sonst dürfen wir uns nicht wundern, dass viele Menschen keine Freude haben, zu arbeiten.

Zentral für unsere wirtschaftliche Entwicklung wird zudem die Zuwanderung sein, auch wenn alle anderen Parteien diesen Zusammenhang nicht wahrhaben wollen. Angesichts unserer alternden Gesellschaft brauchen wir Zuwanderung, aber in den Arbeitsmarkt! Wir sollten uns an Nobelpreisträger Milton Friedman orientieren, der darauf hinwies, dass es Einwanderung nur geben könne, wenn der Arbeitsmarkt allen offen steht — nicht aber der Sozialstaat. Und da Einwanderung im besten nationalen Interesse ist, muss der Zugang zum Sozialstaat begrenzt werden. Mein Vorschlag: Wir weiten eine bewährte Regelung, die wir mit einigen Ländern des Balkans bereits haben, auf alle Länder aus: Wer einen Arbeitsvertrag hat und anpacken will, ist willkommen. Ein Anspruch auf Sozialleistungen wäre mit diesem vereinfachten Arbeitsmarktzugang ausgeschlossen — ein radikaler Wechsel hin zu einer wirtschafts- und leistungsorientierten Migrationspolitik.

Gelingen diese Reformen nicht, sollten Politiker Verantwortung für die Wirtschaftsentwicklung übernehmen, und zwar persönlich: Wenn, wie es aktuell der Fall ist, die Schulden stärker wachsen als die Wirtschaft, werden die Diäten entsprechend gekürzt — vielleicht wäre das ein heilsamer Realitätsschock. Ziel staatlichen Handelns muss immer die Maximierung von Freiheit, Wohlstand und Sicherheit sein. Und hier ist in den letzten zwei Jahrzehnten einiges verrutscht. Es ist die arbeitende Mitte, die sich radikalen Wandel wünscht, Menschen, die etwas für unsere Gesellschaft leisten.

Wir Freie Demokraten werden nicht akzeptieren, dass Vermögensaufbau für viele ein ferner Traum bleibt. Wir werden nicht akzeptieren, dass der Staat sich immer mehr einmischt, aber dort scheitert, wo er unverzichtbar ist — bei Bildung und Sicherheit. Dass sich Jüdinnen und Juden in Deutschland zunehmend unsicher fühlen, zeigt auf erschütternde Art und Weise, wie sehr der Rechtsstaat versagt. Dass Hausdurchsuchungen nach Social Media Beiträgen inzwischen kaum noch Emotionen auslösen, zeigt, wie sehr die Status-Quo-Parteien ihren Kompass verloren haben. Wir Freie Demokraten wollen nicht mehr Teil dieses Lagers sein. Meinungsfreiheit ist unbequem, aber sie ist ein Quell für freies Denken und Innovation. Die FDP ist nicht per se staatskritisch. Sie will, dass der Staat dort stark ist, wo er gebraucht wird, aber an den falschen Stellen zurückgedrängt wird.

Gute Politik beginnt nicht mit Etiketten, sondern mit der Frage, ob eine Entscheidung richtig ist — nicht, ob sie „liberal“, „konservativ“ oder „links“ ist. Die Menschen fragen nach der Wirkung: Hilft es ihrem Alltag, oder nicht?

Die Regierung Merz wird den Menschen keine bessere Zukunft bieten. Wir Freie Demokraten geben uns damit nicht zufrieden. Deutschland braucht neue Zuversicht. Die FDP will dafür ein Angebot machen. Kein populistisches, aber eben auch keines, das den Status quo am Leben erhält — sondern eines, das die Chancen unseres Landes radikal neu freilegen will. Und ja: Vielleicht ist die FDP eine Klientelpartei. Für Millionen Menschen, die unser Land voranbringen wollen. Wir wollen die politische Kraft sein, die das Leistungsprinzip wieder zur tragenden Säule unserer Gesellschaft macht. Und dafür werden wir aus dem Kreis der Status-Quo-Parteien ausbrechen.

Zur Diskussion zum sogenannten Rentenpaket der Bundesregierung erklärt der FDP-Bundesvorsitzende Christian Dürr:

„Bei der Rente steuert der Bundeskanzler mit seiner Regierung völlig kopflos in ein Desaster. Es ist zwar richtig, dass Teile der Unionsfraktion dem Rentenpaket im Bundestag jetzt nicht zustimmen wollen, aber man muss nüchtern feststellen: Es wird keineswegs ausreichen, nur einzelne Stellschrauben wie den Zeitraum, in dem die Haltelinie gelten soll, kosmetisch zu verstellen. Die aktuelle Debatte über die Haltelinie ist politisches Schattenboxen – eine Diskussion über Parameter, die das eigentliche Problem gar nicht lösen wird. 

Wir brauchen echte Reformen, die das Rentensystem nachhaltig stabilisieren. Dazu gehört die Einführung einer gesetzlichen Aktienrente, damit zukünftig alle Beitragszahlerinnen und Beitragszahler – insbesondere auch Geringverdiener – echtes Eigentum für ihre Altersvorsorge erwerben können. Statt die Kapitaldeckung zum Angstgegner zu verkennen, müssen Union und SPD endlich erkennen, dass es irgendwann einfach nicht mehr funktionieren kann, endlos Steuergeld mit dem jetzigen System zu versenken.“

Zur Abstimmung im Europäischen Parlament über die Vereinfachung bestimmter Nachhaltigkeitsregeln und Entbürokratisierungen erklärt die stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Svenja Hahn MdEP:

Lange hat die FDP dafür gekämpft, das Lieferkettengesetz zu vereinfachen, heute haben wir es im Europäischen Parlament endlich entschärft. Vor den Negativ-Folgen von CDU-Frau von der Leyens Lieferkettengesetz hatten wir schon gewarnt, als es große Teile der Konservativen noch mit Grünen und Sozialdemokraten beklatscht haben.

Die europäische Wirtschaft steht unter enormem Druck, der auch durch maßlose Überregulierung wie dem Lieferkettengesetz verursacht wurde. Ein radikaler Abbau von Bürokratie und Regulierung ist dringend notwendig, damit Europa zurück zur Wettbewerbsfähigkeit findet.

Als FDP haben wir seit Beginn der Verhandlungen klargemacht, dass wir gemäß unserer Überzeugungen für weniger Regulierung und Bürokratie stimmen und unsere Stimmen nicht von linker oder rechtsextremer Empörung abhängig machen werden. Zumal es im Europäischen Parlament eine Sachlogik, keine Regierung versus Oppositionslogik, sowie keinen Fraktionszwang gibt.

Ich finde es unverantwortlich, dass die Grünen und Sozialdemokraten nicht bereit waren, den Kompromiss aus dem Rechtsausschuss für Bürokratieabbau mitzutragen. Sie haben zu verantworten, dass es – wie sonst üblich – statt eines Kompromisses aus der Mitte des Hauses, jetzt eine Abstimmung hunderter Einzelanträge im Plenum gab, in der die Parlamentsposition von Zufallsmehrheiten abhing. 

Die jetzt beginnenden Trilogverhandlungen zwischen Mitgliedsstaaten und dem EU Parlament müssen zügig spürbaren Abbau von Überregulierung und Erleichterung für Unternehmen bringen.

Zum Jahresgutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erklärt der FDP-Bundesvorsitzende Christian Dürr:

„Die Wirtschaftsweise bestätigen nun schwarz auf weiß, dass der Plan der Bundesregierung, Rekordschulden zu machen und mutige Reformen auf die lange Bank zu schieben, gescheitert ist. Wenn die Hälfte der Mittel aus dem Sondervermögen für Infrastruktur gar nicht zusätzlich investiert, sondern nur dazu genutzt wird, Haushaltslöcher zu stopfen, ist das nicht nur ein weiterer Wortbruch, sondern schadet unserer Wettbewerbsfähigkeit. Ob beim Sozialstaat, bei der Rente, beim Bürgergeld oder auch beim Bürokratieabbau – es wird Zeit, dass aus den tagtäglichen Ankündigungen von Union und SPD endlich mutige Reformen folgen. Unter der schwarz-roten Reformunfähigkeit leiden vor allem jene, die tagtäglich fleißig arbeiten und dieses Land am Laufen halten. Für sie schafft die Bundesregierung keinen Deut mehr Fairness – und verspielt weiter das Vertrauen der Leistungsträger.“

Die stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Svenja Hahn MdEP schrieb für „FAZ.net“ folgenden Gastbeitrag:

Europa steht an einem Wendepunkt. In der kommenden Woche präsentiert die EU-Kommission ihre Vorschläge zur Vereinfachung ihrer Digital- und Datengesetze. Das ist die historische Chance, endlich unsere europäische Wirtschaft vom lähmenden Regulierungsballast zu befreien und eine stabile Grundlage für Innovation, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zu schaffen.

Denn: Die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen hat in den vergangenen sechs Jahren mit freundlicher Unterstützung von Christdemokraten, Sozialdemokraten und Grünen eine Regulierungswelle ungeahnten Ausmaßes auf die gesamte europäische Wirtschaft losgelassen. Das Ergebnis: Europäische Firmen fallen im globalen Wettbewerb immer weiter zurück, China und die USA gehen mit Tempo, Kapital und Pragmatismus voran.

Als Verhandlerin für den AI Act, dem ich letztlich nicht zustimmen konnte, und anderer Binnenmarktgesetze, habe ich die Entwicklung zur Überregulierung jahrelang angeprangert — an jedem Verhandlungstisch, aber auch immer wieder öffentlich, wie hier in der FAZ. Inzwischen kann selbst die Kommission als Verursacherin zahlreicher unnötiger und teilweise gegenläufiger Regelungen nicht mehr die Augen davor verschließen. Die Frage ist: Hat von der Leyens Kommission auch den Mut tatsächlich zurückzurudern?

Denn neben hohen Energiepreisen und einer enormen Steuer- und Abgabenlast ist diese exzessive Regulierung einer der Hauptgründe für die Schwäche des Wirtschaftsstandorts Europa. Die überbordende Digitalregulierung belastete nämlich nicht nur die Digitalbranche, sondern alle Unternehmen, die mit industrieller KI arbeiten und datenintensiv sind. Doch gerade diese industrielle KI birgt riesige Chancen für die Zukunft der EU.

In der nächsten Woche will die EU-Kommission mit dem sogenannten „Digital Omnibus“ ein Paket vorlegen, mit dem zahlreiche Digital- und Datengesetze vereinfacht werden sollen. Dazu zählen unter anderem der AI Act, der Data Governance Act und auch die Datenschutzgrundverordnung. Ziel ist es zum einen, Berichtspflichten zu vereinheitlichen, etwa beim Reporting von Cybersicherheits-Zwischenfällen. Zum anderen sollen zahlreiche Vereinfachungen der Gesetze für die Wirtschaft beschlossen werden.

Industrielle KI vom AI Act ausnehmen statt ausbremsen

Industrieunternehmen sind Kern der deutschen Wirtschaft, mit einem riesigen ungehobenem Potenzial für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Aber der aktuelle Regulierungsansatz bremst industrielle KI massiv aus; obwohl sie nicht mit Verbrauchern interagiert und ohnehin bereits durch sektorale Gesetze geregelt ist. Deshalb wäre der wichtigste Schritt, konsequent industrielle KI vom AI Act auszunehmen. Eine echte Chance, dass Europa vom Nachzügler zum KI-Schrittmacher wird.

Mut zu echter Entlastung statt Kosmetik

Einige der bisher bekannten Vorschläge der Kommission zur Vereinfachung des AI Acts haben durchaus Potenzial, Entwickler und Nutzer von innovativen Produkten und Dienstleistungen merklich zu entlasten: Wie die Ausweitung von Reallaboren, in denen neue KI-Anwendungen schon in der Entwicklungsphase unter realen Bedingungen getestet werden können. Auch die Ausweitung der KMU-Ausnahmen auf die größeren „Small Mid Cap“-Unternehmen, würde bereits vielen Unternehmen Erleichterungen bringen.

Bei diesem Fine-Tuning darf es nicht bleiben, vielmehr braucht Europa strukturelle Entlastung. Allen voran großzügigere Übergangsfristen, gekoppelt an verfügbare Standards. Es ist völlig utopisch von Unternehmen zu verlangen, unklare und komplexe Regeln umzusetzen, wenn noch keine Standards verfügbar sind. Die Kommission muss endlich aufhören, technische Konzepte wie Standards zu politisieren.

Ebenso notwendig ist die geplante Klarstellung des Zusammenspiels von AI Act und den zahlreichen anderen EU-Gesetzen. Denn selten hat so viel Prosa Einzug in ein Gesetz gehalten wie beim AI Act. So zum Beispiel die völlig unklare Pflicht für KI-Anwender, für umfassende KI-Bildung zu sorgen. Das ist jetzt die Chance für die Kommission, diese Aufgabe dorthin zu verlagern, wo sie hingehört: An die Mitgliedsstaaten und deren Bildungssysteme. Denn Unternehmen sind keine Bildungseinrichtungen und können nicht die Bildungsdefizite von Ländern ausgleichen. Erst recht nicht per Verordnung.

Alle Mitgliedsländer, allen voran Deutschland, müssen ihren Beitrag leisten. Es wird Zeit, dass wir unseren Unternehmen Luft zum Atmen und zur Innovation verschaffen. Die schwarz-rote Bundesregierung muss national endlich die Situation hoher Energiepreise, Steuern und Abgaben angehen und auf europäischer Ebene eine umfassende Verschlankung der Regelungen und rigorose Abschaffung von Berichtspflichten und anderer Bürokratie unterstützen. Leider fordert Kanzler Merz Bürokratieabbau vor allem in Sonntagsreden, statt Mehrheiten dafür im Rat zu organisieren und seine sozialdemokratischen Koalitionspartner wehren sich derweil im Europäischen Parlament mit Händen und Füßen gegen jegliche Form des Bürokratieabbaus. Berlin und Brüssel dürfen die Chance des Digitalomnibus nicht verspielen. Damit die, die in Deutschland und Europa Neues schaffen wollen, endlich wieder eine faire Chance im globalen Wettbewerb haben.

Deregulierung stärkt Wirtschaft und Gesellschaft

Die Kommission muss einen mutigen Aufschlag machen, der Regulierung tatsächlich abbaut. Und sie darf sich dabei nicht von den Bedenkenträgern in den eigenen Reihen und im Europäischen Parlament abschrecken lassen, die für die aktuelle Situation verantwortlich sind. Bisher sind bereits erste Leaks der Vereinfachungsvorschläge im Umlauf. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass diese gezielt durchgestochen wurden, um einen Aufschrei der Regulierungs-Fans zu verursachen und damit das Vorhaben zu torpedieren.

Denn allein das Wort Deregulierung wird von vielen in Brüssel immer noch als Schimpfwort verstanden. Doch wer auf Innovation und Fortschritt mit Misstrauen und Angstmacherei reagiert, schafft einen gefährlichen Stillstand. Ein klarer, schlanker Rechtsrahmen hingegen schafft Transparenz und Vertrauen, für Unternehmen und Bürger. Wenn KI-Innovation in Europa im Keim erstickt wird, entstehen Lösungen woanders, nach anderen Regeln, nach anderen Werten. Wer unsere Werte und unsere liberale Demokratie schützen will, muss Innovation made in Europe ermöglichen, nicht verhindern.

Niemand braucht verklärte Industrieromantik, aber wir brauchen endlich Lust auf Fortschritt. Wenn Europa sich selbst weiter durch Überregulierung von technologischen Entwicklungen abhängt, gefährdet das unseren Wohlstand. Ohne Wirtschaftswachstum wackeln Millionen Arbeitsplätze, gibt es keine Investitionen, keine Chancen für eine selbstbestimmte Zukunft unser Bürger — und ultimativ keinen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wir brauchen nicht weniger als einen Mindset-Wechsel: Weg von dem Glauben, man könnte mit immer mehr Regulierung und staatlicher Kontrolle gesellschaftlichen Zusammenhalt kreieren. Stattdessen müssen wir Deregulierung und Vertrauen in unsere Bürger als Chance zur Verteidigung unserer Wirtschaftskraft und unserer liberalen Demokratie begreifen.

Deregulierung ist kein Selbstzweck, sie ist Garant unseres Wohlstandsmodells und Schutz unserer liberalen Demokratie. Die Kommission muss jetzt liefern. Nicht kleinteilig, nicht halbherzig. Europa braucht jetzt den Mut loszulassen. Damit wir Freiheit, Fortschritt und wirtschaftliche Stärke sichern können.

Pressemeldung vom 10.11.25

Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Dürr gab der Tageszeitung „taz“ (Montagsausgabe) das folgende Interview. Die Fragen stellten Cem-Odos Güler und Anna Lehmann.

Frage: Vor einem Jahr erklärte Olaf Scholz die Ampel für beendet. Die FDP hatte aktiv darauf hingearbeitet. Hat es sich gelohnt, Herr Dürr?

Dürr: Rückblickend war es richtig, damals nicht auf die Erpressung des Bundeskanzlers einzugehen. Zu sagen: Wir machen keine Reformen und versuchen, mit lauter neuen Schulden die Koalition zu retten, wäre für die FDP kein Weg gewesen. Insofern war es richtig, damals Nein zu sagen.

Frage: Sie und Ihre Partei sind jetzt seit acht Monaten nicht mehr im Bundestag vertreten. Was macht das mit Ihnen?

Dürr: Man muss nüchtern feststellen, dass sich diese neue Koalition im Prinzip genauso verhält wie die Ampel in ihrer Endphase. Wir selbst haben unsere Fehler analysiert und uns hinterfragt.

Frage: War es also unklug, gezielt auf den D-Day hinzuarbeiten?

Dürr: Das Papier, auf das Sie sich beziehen, hat keine Rolle gespielt. Wenn eine Koalition scheitert, ist keiner frei von Schuld.

Frage: Was bleibt denn von der Ampel außer dem Deutschlandticket?

Dürr: Also … Zumindest ist es uns gelungen, steuerliche Entlastungen hinzubekommen, gerade für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Und das Sondervermögen für die Bundeswehr bleibt, da hat die Regierung nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs richtig reagiert.

Frage: Wir hätten gedacht, Sie nennen auch die doppelte Staatsbürgerschaft oder das Selbstbestimmungsrecht. Sind das Dinge, zu denen Sie nicht mehr stehen?

Dürr: Aber das reicht doch nicht aus, um das Land nach vorn zu bringen. Sonst wäre die Regierung nicht abgewählt worden.

Frage: Sie hatten am Anfang der Ampel Olaf Scholz gelobt, er habe „Drive“ und würde was voranbringen. Wann hat sich diese Bewunderung ins Gegenteil verkehrt?

Dürr: Das war keine Bewunderung. Aber die SPD hat zu schnell der Mut zu Reformen verlassen. Leider muss man feststellen, dass das jetzt auch bei der CDU der Fall ist.

Frage: Wann hatten Sie denn das letzte Mal Kontakt zu Scholz?

Dürr: Als ich ihn nach der Bundestagswahl im Bundestag gesehen habe.

Frage: Sie haben keinen Kontakt mehr?

Dürr: Mein Hauptfokus ist die Neuaufstellung der FDP. Es ist nicht die Zeit für nostalgische Kränzchen.

Frage: Auch nicht mit Christian Lindner?

Dürr: Wir sprechen immer mal wieder miteinander und haben ein gutes Verhältnis. Aber ich habe das große Glück, dass ich anders als andere Parteivorsitzende keine Vorgänger habe, die mir öffentlich gute Ratschläge geben.

Frage: Sind Sie froh, jetzt nicht mit der Union regieren müssen, die haufenweise neue Schulden macht?

Dürr: Ich bin immer bereit, Verantwortung zu übernehmen. Aber mit uns hätte es diese Schulden nicht gegeben. Eine Politik, die immer nur darauf setzt, dass der Staat seine Ausgaben steigert, bringt uns nicht voran. Deutschland ist nicht führend bei der Digitalisierung, bei neuen Technologien oder beim Klimaschutz. Diese Art der linken Wirtschaftspolitik ist in Deutschland krachend gescheitert. Und die Union beweist gerade, dass sie in Wahrheit wirtschaftspolitisch komplett links von uns steht.

Frage: Der Großteil der 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und Klimaschutz wird erst noch verplant und verbaut. Sind Sie nicht etwas voreilig in Ihrer Kritik, das ganze Geld brächte nichts?

Dürr: Es wird nur ein Teil Investitionen in der Infrastruktur ankommen. Denn jetzt werden auch Investitionsausgaben im Bundeshaushalt zurückgeschraubt, etwa für die Bahn. Da wird einfach nur Geld verschoben, damit man zusätzliches Geld für neue Subventionen hat.

Frage: Zum Beispiel für subventionierten Agrardiesel. Die Koalition hat die Rückerstattung für Landwirte wieder eingeführt. Schlimm?

Dürr: Es ist auf jeden Fall falsch, Landwirten einfach immer nur was wegzunehmen.

Frage: Aha. Wie wollen Sie dafür sorgen, dass wieder mehr Wäh­le­r:in­nen an die FDP glauben?

Dürr: Ich glaube, wir müssen mehr Risiko wagen. Wir müssen bereit sein, mehr Dinge zuzulassen. Wenn man so eine Art Vollkaskostaatsmentalität an den Tag legt, habe ich die große Sorge, dass unser Land Zukunft verpasst. Ich bin davon überzeugt, dass viele Menschen sehr wohl für Veränderungen bereit sind. Wir erarbeiten gerade ein neues Grundsatzprogramm, das im nächsten Jahr beschlossen werden soll.

Frage: Sie wollen sich an die radikale Mitte wenden. Wer oder was soll das sein?

Dürr: Wir sind eine Partei der Mitte, aber ich will nicht Teil der Konsenssoße und des Status quo sein. Die FDP muss sich davon abheben. Wir haben die Extremisten links und rechts. Es muss ein drittes Angebot aus der Mitte geben, mit mutigen Reformvorschlägen für die sozialen Sicherungssysteme und in der Bildungspolitik. Aber auch beim Thema Migration.

Frage: Was schwebt Ihnen da vor?

Dürr: Es dürfen keine Menschen mehr durch Schlepperkriminalität ins Land kommen, wo sie teilweise auf den Routen sogar ihr Leben lassen. Andererseits warten Menschen nicht selten zwei Jahre auf ein Arbeitsvisum. Arbeitgeber verzweifeln, weil sie die Arbeitskräfte nicht ins Land bekommen und an der Grenze dauert es zwei Sekunden, um als Asylbewerber oder Flüchtling anzukommen. Wir müssen unser Einwanderungssystem komplett auf den Arbeitsmarkt statt auf das Asylsystem ausrichten.

Frage: Wollen Sie das Grundrecht auf Asyl abschaffen?

Dürr: Nein, denn echte Asylfälle machen nur 0,7 Prozent der Schutzgesuche aus.

Frage: Also wollen Sie die europäischen Vereinbarungen zum subsidiären Schutz abschaffen?

Dürr: Wir müssen hinterfragen, ob der subsidiäre Schutz noch funktioniert. Wir sollten über Flüchtlingskontingente sprechen für Menschen, die tatsächlich in akuter Gefahr sind. Es wäre doch viel sinnvoller, Menschen, die wirklich schutzbedürftig sind, aus einem Konfliktgebiet über Kontingente direkt ins Land zu bringen, als dass man sie kriminellen Schleppern überlässt und sie unterwegs Lebensgefahr aussetzt.

Frage: Migration sehen Sie also als großes Thema. Was noch?

Dürr: Mein Ansatz ist, aus der Sicht der Menschen zu denken. Die meisten sagen, sie haben Probleme mit den Lebenshaltungskosten und können sich immer weniger von ihrem Lohn leisten. Linke Politik würde nur sagen, lasst uns die Preise regulieren. Ich glaube, das führt in die Irre.

Frage: Und Sie sehen die gestiegenen Lebenshaltungskosten, die Immobilien- und Grundstückspreise nicht als Problem, sondern sagen: Der Markt regelt das?

Dürr: Das Problem ist doch, dass der Staat jungen Menschen teilweise fast die Hälfte von ihrem Lohn wegnimmt. Ich bin dagegen, dass der Staat die Preise festlegt. Das wäre auch das Gegenteil der DNA der FDP. Aber nehmen wir es hin, dass gerade junge Menschen in den kommenden Jahren immer höhere Sozialversicherungsbeiträge zahlen und sich immer weniger leisten können? Da sind wir doch bei den Lebenshaltungskosten.

Frage: Was schlagen Sie vor, um diese zu senken?

Dürr: Wir sind eine alternde Gesellschaft, deshalb brauchen wir die Einwanderung in den Arbeitsmarkt. Das zweite ist: Menschen müssen wieder die Möglichkeit haben, sich ein Vermögen aufzubauen. Dieses Versprechen ist in Deutschland gebrochen. Dazu gehört Kapitaldeckung in den sozialen Sicherungssystemen. Für die Rente hatten wir das vorgeschlagen mit der Aktienrente. Ich würde das gerne ausweiten auf die Kranken- und Pflegeversicherung.

Frage: Das heißt, die Leute zahlen Gesundheit und Pflege künftig mehr privat aus eigener Tasche.

Dürr: Linke Politik befindet es als gut, wenn Menschen in ein soziales Sicherungssystem einzahlen, aus dem sie am Ende wenig rausbekommen. Ich bin der Überzeugung, dass es gut ist, wenn Millionen von Menschen, insbesondere Menschen mit geringem Einkommen, das gleiche Geld am Kapitalmarkt anlegen und dort sparen.

Frage: Wären Sie dafür, dass Er­b*in­nen großer Vermögen etwas mehr abgeben zum Wohle der Hälfte der Bevölkerung, die keines hat? Bei Unternehmensvermögen gibt es Ausnahmen, die dafür sorgen, dass Millionenbeträge leistungslos weitergegeben werden können.

Dürr: Eine Erbschaftssteuer, die mit einem Satz von beispielsweise 30 Prozent das Unternehmen belasten würde, würde bedeuten, dass 30 Prozent eines Unternehmens veräußert oder weggeschnitten werden müssten. Das kann niemand wollen.

Frage: Sie sind also dagegen, Privilegien abzuschaffen, die erlauben, dass Vermögen steuerfrei verschenkt oder in Stiftungen versteckt werden kann?

Dürr: Ihre Frage unterstellt, dass das möglich sei. Ich behaupte, dass eine hohe Erbschaftssteuer für Unternehmen nicht möglich ist, ohne dass Arbeitsplätze verloren gehen.

Frage: Also keine Reform der Erbschaftssteuer mit der FDP.

Dürr: Ich würde sogar noch weiter gehen: Ich bin gegen eine Erhebung von Erbschaftssteuer, wenn sie Vermögen betrifft, an denen Arbeitsplätze hängen. Familienunternehmen, die von der einen an die nächste Generation weitergegeben werden, sind unser letzter Wettbewerbsvorteil in Deutschland.

Frage: Verengen Sie den Liberalismus in der FDP nicht zu sehr auf Marktradikalität? Gibt es nicht darüber hinaus eine größere Erzählung von Freiheit?

Dürr: Sie machen einen Widerspruch aus, den ich nicht sehe. Die Freiheit des Einzelnen und wirtschaftliche Freiheit gehören unmittelbar zusammen. Das ist ein Grund, warum die FDP glasklar gegen Chatkontrolle ist. Das unterscheidet uns von der Union. Für uns steht der Einzelne im Vordergrund. Das gilt auch bei der Überwachung.

Frage: Die Frage zielte darauf ab, warum es die FDP nicht schafft, eine liberale Gegenerzählung zum um sich greifenden Autoritarismus zu liefern.

Dürr:: Ich will die FDP genau in diese Richtung erneuern. Der Grund, warum die Extremisten Zustimmung finden, ist nicht, weil die Leute deren Thesen teilen, sondern weil sie bitter enttäuscht sind von den anderen Parteien.

Frage: Auch von Ihrer.

Dürr: Der Unterschied ist, dass die FDP keine moralischen Fensterreden hält, sondern sehr konkrete Änderungsvorschläge macht.

Frage: Würden Sie für uns noch diesen Satz ergänzen: Ein Bundestag ohne die FDP ist wie …

Dürr: … eine liberale Demokratie ohne Liberale. Und das funktioniert nicht.

Frage: Funktioniert doch aktuell.

Dürr: Da widerspreche ich.

Pressemeldung vom 6.11.25

Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Dürr gab der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ folgendes Interview. Die Fragen stellten Lisa Caspari und Ferdinand Otto.

Frage: Herr Dürr, heute vor genau einem Jahr zerbrach die Ampel. SPD, Grüne und FDP hatten sich heillos zerstritten, bei einem Treffen im Kanzleramt sollte ein letztes Mal versucht werden, die Koalition zu retten. Wann war Ihnen klar: Es ist aus, es ist vorbei?

Dürr: Endgültig klar war es mir an diesem Abend des 6. November. Wir hatten noch Signale bekommen, dass SPD und Grüne eventuell doch bereit wären, etwas in der Wirtschaftspolitik zu verändern. Doch dann hat der Kanzler von uns eiskalt verlangt, die Schuldenbremse zu brechen. Wir haben uns beraten: Das geht nicht mehr.

Frage: Sind Sie überhaupt mit dem Willen reingegangen, sich zu einigen?

Dürr: Ganz klar: ja.

Frage: Nach Recherchen der ZEIT hatte ihre Partei schon Wochen vorher einen Plan für einen “D-Day” und eine “offene Feldschlacht” entworfen. Mit dem Ziel: aus der Koalition auszusteigen.

Dürr: Jeder musste sich auf verschiedene Szenarien vorbereiten. Ich kannte dieses Papier nicht. Da ging es um ein mögliches Scheitern genauso wie um denkbare Kompromisse. Es würde niemand sagen, dass das Wording kein Fehler war – es war damit sehr einfach, uns zu unterstellen, dass es uns nicht um die Sache ging. Ich kann Ihnen aber versichern: Ich habe keine Spielchen gespielt, sondern eine tonnenschwere Verantwortung auf meinen Schultern gespürt.

Frage: Als es vorbei war: Sind Sie am nächsten Morgen erleichtert aufgewacht?

Dürr: Ich war erleichtert, einerseits, denn dieser monatelange Stillstand war eine Qual. Andererseits war mir natürlich klar: Ab jetzt haben wir all die Besitzstandswahrer zum Gegner. Gemeint sind SPD und Grüne, aber auch die Union. Mir war bewusst: Das wird sehr, sehr hart.

Frage: Was bereuen Sie? Vielleicht, nicht doch länger durchgehalten zu haben?

Dürr: Dass eine Koalition durchhält, ist noch kein Wert an sich. Wir wollten das Beste für das Land und die Menschen, für Jobs und Aufschwung. Da hat die Ampel zuletzt nichts zustande gebracht. Das ist meine Lehre aus den Regierungsjahren: Ich werde die FDP nie in eine Koalition führen, in der nicht echte Reformpolitik gemacht wird.

Frage: Von der “offenen Feldschlacht” ging es für die FDP ziemlich schnell in die außerparlamentarische Opposition: Ihre Partei ist im Februar aus dem Bundestag geflogen, fast alle Führungspersönlichkeiten sind abgetreten. Fragen Sie gelegentlich noch Christian Lindner um Rat?

Dürr: Im Vergleich zu anderen Parteivorsitzenden habe ich ein großes Glück: Mein Vorgänger erteilt mir öffentlich keine klugen Ratschläge.

Frage: Wer ist die FDP ohne Christian Lindner?

Dürr: Eine spannende Partei. Ich muss schmunzeln, wenn Politik so oft auf einzelne Charaktere reduziert wird. Ich glaube, Parteien müssen ein Angebot machen, dem die Menschen vertrauen. Und die Menschen fordern Veränderungen. Daher wollen wir die Partei der radikalen Mitte sein.

Frage: Gibt es nicht schon genügend Radikalinskis in der Politik?

Dürr: Sie denken jetzt an Extremismus an den politischen Rändern. Diese Extremisten nutzen die Probleme der Menschen, um sich politisch zu profilieren. Sie haben kein Interesse daran, sie zu lösen. Wir sind eine Partei der Mitte, die für radikale Veränderung steht, und wollen genau diese Probleme beseitigen. Das Wort Radikal kommt von Radix, also von der Wurzel her. Status quo, können Union, SPD und Grüne wunderbar. Es braucht eine Partei, die sagt: Wir können und wollen radikale Reformen.

Frage:  Sind die Menschen nicht der ständigen Reformankündigungen müde? Christian Lindner forderte 2024 einen “Herbst der Entscheidungen”, Friedrich Merz 2025 einen “Herbst der Reformen”. Passiert ist wenig.

Dürr: Daran sieht man leider, wie schnell die aktuelle Regierung da gelandet ist, wo die Ampel nach dreieinhalb Jahren war. Und dass viele Schulden Reformen nicht ersetzen können. Ich bin überzeugt, wenn man den Mut hat, dann gelingen Reformen. Der Ampel fehlte mehrheitlich der Mut. Die neue Koalition hat diesen Mut leider auch nicht. Deshalb braucht es uns. Die FDP ist bereit, ins Risiko zu gehen, das hat sie mehrfach bewiesen. Und die Menschen im Land wollen, dass sich was verändert. Nehmen Sie die Rente: Was da gerade von Schwarz-Rot beschlossen wird, sind Leistungsausweitungen, die die junge Generation belasten und Jobs in Deutschland gefährden, weil die Kosten sozialversicherter Beschäftigung steigen. Deutschland hat in diesem Jahr eine Staatsquote von über 50 Prozent, im nächsten Jahr sind es 51 Prozent. Helmut Kohl hat mal gesagt: Ab 50 Prozent beginnt der Sozialismus. Damit wäre Friedrich Merz der erste sozialistische Bundeskanzler in Deutschland.

Frage: Die FDP setzt dagegen auf Aktien zur Finanzierung der Sozialversicherung. Viele Finanzexperten warnen gerade vor einem großen Börsencrash – ist der freie Kapitalmarkt wirklich der beste Ort für Renten?

Dürr: Friedrich Merz hat mal zur Aktienrente der FDP gesagt, das seien Hedgefonds-Methoden, da musste ich sehr lachen. Das Umlagesystem ist doch gescheitert, zumindest in seiner jetzigen Form. Nicht nur die Rente, auch die Krankenversicherungen sollten Kapitalrücklagen am Aktienmarkt bilden. Was wir heute über das Umlagesystem einzahlen, wird binnen weniger Wochen wieder ausgegeben. Nur ein Kapitalstock bringt echte Vorsorge, gerade für Zeiten, in denen die Konjunktur nicht läuft. Von wenigen Dellen abgesehen wächst die Weltwirtschaft konstant. Und sollte die Wirtschaft kollabieren, dann ist doch das Umlagesystem das erste, das in die Knie geht: Viele Arbeitslose heißt, weniger Einzahler und noch größere Schieflage. Andere Länder, wie Schweden, nutzen den Kapitalmarkt seit Jahrzehnten erfolgreich.

Frage: Das Versprechen von guten Renten oder einer guten Gesundheitsversorgung kann doch aber der Staat nicht allein an die aktuellen Börsenkurse auslagern.

Dürr: Es geht nicht um kurzfristige Börsenkurse, sondern langfristiges Wachstum. Das aktuelle System ist unsozial. Nehmen Sie die Rente: Ein Geringverdiener, der heute in die gesetzliche Rente einzahlt, wird auch bei Vollzeitarbeit in die Altersarmut fallen. Weil diese Menschen einfach gar nicht so viel einzahlen könnten, um über das in Schieflage geratene Umlagesystem eine auskömmliche Rente rauszubekommen. Wenn wir dieser Gruppe erlauben, mit ihren jetzigen gesetzlichen Rentenbeiträgen einen Kapitalstock aufzubauen, würden gerade Menschen mit kleinem Einkommen besonders profitieren.

Frage: Auch eine Aktienrente, wie sie die FDP in der Ampel wollte, bräuchte erst mal eine Anschubfinanzierung. Woher soll das Geld kommen?

Dürr: Wenn die Regierung auf ihre teuren Wahlversprechen und Mehrausgaben verzichten würde, wäre schon ein guter Teil bezahlt. Ich denke da zum Beispiel an die Mütterrente.

Frage: Verzichten könnte man auch auf teure Steuersenkungen etwa bei der Gastronomie, die auch die FDP fordert.

Dürr: Wir reden dort ja nicht von Ausgaben, sondern von zu hohen Einnahmen des Staates. Eine Steuersenkung in der Gastronomie wiederum halte ich für richtig, allein um den absurden Wildwuchs bei Steuertarifen, etwa in der Innen- oder Außengastronomie, zu beenden.

Frage: Nächste Alternative: Der Staat könnte die Gerechtigkeitslücken etwa bei der Erbschaftssteuer schließen. Da sind sie dagegen.

Dürr: Höhere Steuern sind das Letzte, was der Standort im Augenblick braucht. Die zentrale Frage ist doch, hat der Staat wirklich ein Problem auf der Einnahmeseite? Oder ist nicht eher das Problem, dass er das Geld vollkommen ineffizient ausgibt? Davon bin ich jedenfalls überzeugt: Der Staat hat zu viel Geld, das er durch seine Hände schleust. Übrigens nicht mit dem Ergebnis, dass die Menschen glücklicher macht. Die Staatsausgaben steigen und steigen, aber die Laune im Land wird immer schlechter.

Frage: Steuerpolitik hängt doch unmittelbar mit Gerechtigkeitsempfinden zusammen: Wer ein Haus erbt, wird sehr wahrscheinlich Steuern darauf zahlen, wer 300 erbt, gilt als Unternehmer und geht unter Umständen steuerfrei aus.

Dürr: Das Ungerechte an der Erbschaftssteuer ist: Sie besteuert die Substanz, nicht Gewinn oder Ertrag. Und in den meisten Fällen wird ja nicht ein Goldbarren vererbt, von dem der Staat einfach ein Stück abschmilzt, sondern investiertes Vermögen. Wenn man etwa ein Unternehmen, das von einer auf die nächste Generation übergeht, krass besteuert, macht das Deutschland nicht gerechter, sondern es gehen Jobs verloren. Ich möchte kein Volksvermögen, sondern ich will ein Volk von Vermögenden, von Menschen, die sich was aufbauen können.

Frage: Bleiben wir beim Beispiel Immobilien, nicht beim Familienunternehmen.

Dürr: In dem Mietshaus, das vererbt wird, wohnen doch Menschen, für die wird die Miete steigen. Die Erbschaftssteuer muss ja wieder reinkommen.… Ein großer Staat mit vielen Steuereinnahmen und hoher Belastung ist nicht der bessere Staat. Er muss sich vielmehr auf seine Kernaufgaben, wie etwa Bildung und Sicherheit, konzentrieren und dafür an anderer Stelle zurücknehmen.

Frage: Also folgt die neue FDP mehr der Lehre Javier Mileis als der sozialliberalen Politik des niederländischen Wahlsiegers D66?

Dürr: Wir sind weder Argentinien, noch die Niederlande. Und die FDP kopiert nicht, sie macht eigenständige Politik. Wir wollen einen schlankeren Staat, aber auch, die Lebenshaltungskosten der Menschen senken, so dass sie sich für die Zukunft ein Vermögen aufbauen können. Wir stehen für Marktwirtschaft und Bürgerrechte. Ist das jetzt mitfühlender Liberalismus oder Kettensäge? Ich überlasse Ihnen die Interpretation.

Frage: Die Ampel scheiterte vor einem Jahr, weil Olaf Scholz für wenige Milliarden Euro eine Ausnahme von der Schuldenbremse wollte, die FDP nicht. Der aktuellen Koalition fehlen bis zu 30 Milliarden in den kommenden Jahren. Würden Sie darauf wetten, dass diese Regierung ebenfalls am Streit ums Geld zerbricht?

Dürr: Ich wette nicht bei so ernsten Themen, das ist mir zu spielerisch. Die Regierung plant in den kommenden Jahren fast eine Billion Euro neue Schulden zu machen. Ich verstehe gar nicht, wie denen das Geld fehlen kann. Wenn diese Koalition keine Reformen zustande bringt, ist sie gescheitert, unabhängig davon, wie lange sie im Amt sein wird..“

Pressemeldung vom 3.11.25

Zu der Debatte um Rückführungen nach Syrien erklärt der FDP-Bundesvorsitzende Christian Dürr:

„Der chaotische Streit in der Union zeigt, dass CDU und CSU bei der Migrationspolitik in alten Denkmustern feststecken. Die CDU stellt den Bundeskanzler, den Außen- sowie den Innenminister. Statt also endlich ein modernes System zu schaffen, überbieten sich konservative Politiker darin, einfach nur weniger vom Falschen zu fordern.
Wir brauchen ein Umdenken und endlich ein klares, ehrliches und modernes Migrationsrecht: Menschen, die in Deutschland durch Leistung etwas beitragen und sich unabhängig etwas aufbauen wollen, müssen bei uns willkommen sein. Menschen, die nur in den Sozialstaat einwandern wollen und hier nicht arbeiten, dürfen bei uns keine Zukunft haben. Damit nur jene hierherkommen, die tatsächlich Schutz benötigen, müssen Asylanträge künftig außerhalb der EU geprüft werden. Wer weder arbeitet noch die Voraussetzungen für echten Schutz erfüllt, muss konsequent zurückgeführt werden – auch nach Syrien.“

Gemeinsame Pressemitteilung der Gemeinderatsfraktionen Grüne, CDU, SPD, Die Heidelberger, HiB/Volt, Die Linke/Bunte Linke, FDP/FWV sowie des Einzelvertreters der GAL.

Bezirksbeiratssitzungen vorübergehend im Rathaus – Fraktionen setzen sich für Rückkehr in die Stadtteile 2026 ein.

Mehrere Fraktionen des Heidelberger Gemeinderats nehmen die Entscheidung der Stadtverwaltung zur Kenntnis, die Sitzungen der Bezirksbeiräte aus Kostengründen vorübergehend ins Rathaus zu verlegen. Diese Entscheidung erfolgte ohne weitergehende Einbindung des Gemeinderats.Die Fraktionen betonen die demokratische Bedeutung der Bezirksbeiräte: Sie bringen die Anliegen der Menschen aus den Stadtteilen direkt in die kommunalpolitische Arbeit ein. „Bezirksbeiratssitzungen gehören dorthin, wo die Themen entstehen – mitten in die Stadtteile“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung. Insbesondere die Außenstadtteile, die weiter vom Rathaus entfernt sind und nicht die beste Anbindung in die Altstadt besitzen, beispielsweise die Bergstadtteile, werden überproportional von der Verlegung getroffen.Gleichzeitig zeigen die Fraktionen Verständnis für die aktuelle Haushaltslage. Für die verbleibenden Sitzungen im Jahr 2025 tragen sie die Verlegung zähneknirschend mit. Für die anstehenden Haushaltsberatungen erwarten die Gemeinderäte der beteiligten Fraktionen von der Verwaltung insbesondere einen detaillierten Kostenvergleich, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können. Der Vergleich sollte die Kosten für Sitzungen in den einzelnen Stadtteilen, dem Rathaus, und die Bündelung von Sitzungen in benachbarten Stadtteilen beinhalten.

Die Fraktionen setzen sich für die Ausschöpfung aller Möglichkeiten ein, um Kosten zu senken und die Sitzungen 2026 wieder vor Ort zu ermöglichen. Denkbare Ansätze sind die kostenlose Nutzung städtischer Räume, die in oder nahe an den Stadtteilen verortet sind, Gespräche mit örtlichen Vereinen oder Unternehmen über Kooperationsmöglichkeiten oder anderweitige Bündelungsmaßnahmen. „Eine lebendige Demokratie braucht Orte der Begegnung und des Austauschs. Die Bezirksbeiräte sind ein zentraler Bestandteil gelebter Bürgernähe – diese Stärke wollen wir erhalten“, betonen die unterzeichnenden Fraktionen abschließend.

Leere Kassen, Haushalt, FDP

Heidelberg, 5. September 2025.

Die FDP Heidelberg nimmt die Entscheidung des Regierungspräsidiums Karlsruhe zur Kenntnis und fordert einen klaren Kurswechsel in der städtischen Finanzpolitik. Das RP hat die Gesetzmäßigkeit des Doppelhaushalts 2025/26 bestätigt, zugleich jedoch die geplanten Kredit- und Verpflichtungsermächtigungen nicht genehmigt. Die Stadt muss deutlicher sparen, neue Verpflichtungen können derzeit nicht eingegangen werden; für Pflichtaufgaben ist der Fokus zu schärfen.

Karl Breer, Fraktionsvorsitzender der FDP/Freie-Wähler-Fraktion, erklärt: „Die Entscheidung des RP ist ein Weckruf: Wir leben über unseren Verhältnissen. Unsere Fraktion hat in den Verhandlungen die meisten Einsparvorschläge vorgelegt – und wir erwarten, dass weitere davon jetzt umgesetzt werden. Einschnitte bringen uns vielleicht endlich auf den Boden der Tatsachen zurück: städtische Strukturen, Beteiligungen und der Status quo gehören auf den Prüfstand. Unser Ziel bleibt klar: Handlungsfähigkeit sichern, Pflichtaufgaben zuverlässig erfüllen und begonnene Maßnahmen seriös zu Ende führen.“

Tim Nusser, FDP-Kreisvorsitzender, ergänzt: „Haushaltspolitik ist kein Selbstzweck, sondern die Voraussetzung dafür, dass Heidelberg auch morgen leistungsfähig bleibt. Wir müssen jeden Bereich auf Wirksamkeit, Priorität und Finanzierbarkeit prüfen. Kultur ist nur ein Beispiel: Pro Kopf geben wir rund 408 Euro aus, mehr als 200 % des Bundesdurchschnitts. Das ist kein Kulturkampf, sondern Ehrlichkeit: Wer Kultur dauerhaft stärken will, muss sie finanziell solide unterlegen. ‚Quo vadis, Heidelberg?‘ – Auf zu neuen, finanzierbaren Ufern, mit klaren Prioritäten und belastbaren Ergebnissen.“

Die FDP Heidelberg begrüßt, dass Verwaltung und Gemeinderat nun kurzfristig zusätzliche Konsolidierungsschritte beraten. Ein Einstellungsstopp ist bereits angeordnet; freiwillige Leistungen, Zuschüsse und das Investitionsprogramm müssen überprüft und – wo nötig – angepasst werden. Priorität haben Pflichtaufgaben und die Fertigstellung laufender Baumaßnahmen. Zu lange standen „Nice-to-have“ und Wohlfühlfaktoren im Vordergrund, während Wirtschaftlichkeit und die Nachhaltigkeit von Beschlüssen unter den Tisch fielen. Jetzt gilt: Wirtschaft mitdenken, entschlossen entbürokratisieren und Prioritäten schärfen – nur so kämpft sich Heidelberg aus dieser Lage zurück. Haushalt ordnen. Zukunft sichern.