BÜTTNER-Interview (RNZ): Viele Menschen haben Lust, etwas zu bewegen und haben Ideen
Die FDP-Generalsekretärin Nicole Büttner gab der „Rhein-Neckar-Zeitung“ (Dienstagsausgabe) das folgende Interview. Die Fragen stellte Daniel Bräuer:
Frage: Frau Büttner, Sie leben mit Ihrer Familie in der Schweiz. Sie haben zwei Firmen in Berlin und leiten jetzt bundesweit den Wiederaufbau oder die Rückkehr der FDP auf die bundespolitische Bühne. Hat Ihr Tag mehr als 24 Stunden?
Büttner: Nein, natürlich nicht. Ich habe schon an vielen Orten gelebt, Frankreich, Österreich, Belgien, Schweden, in der Schweiz. Aber was mich motiviert: Ich glaube an Deutschland als Standort. Und jetzt blicke ich wie viele andere mit Sorge aufs Land. Das ist wirklich ernst. Die Standortattraktivität leidet sehr. Unternehmen wissen gar nicht mehr, ob sie hier noch investieren und Arbeitsplätze schaffen können. Angesichts dieser ganzen Themen ist mir vollkommen klar, dass es eine liberale Stimme auch auf Bundesebene braucht. Als Christian Dürr mich gefragt hat, war mir klar, dass ich da antrete.
Frage: Das ist mehr als ein Vollzeitjob, nehme ich an.
Büttner: Es ist wichtig, dass wir uns als Team an diese Aufgaben machen. Es ist nicht meine Art, nur den Abgesang aufs Land zu feiern, sondern ich bin bereit, für etwas einzustehen.
Frage: Können Sie kurz skizzieren, was Ihre Firmen machen?
Büttner: Wir arbeiten für mittelständische Firmen wie für Dax-Unternehmen. Zum Beispiel helfen wir einem Keramikhersteller, seine Qualitätssicherungsprozesse mit KI zu automatisieren, um schneller und mit weniger Ausschuss zu produzieren. Oder wir arbeiten mit Pharmaunternehmen zusammen, um Medikamentenentwicklung besser und schneller für die praktische Anwendung zu machen.
Frage: Sie arbeiten auch am neuen Parteiprogramm mit KI. Schreibt die KI bessere Programme?
Büttner: Nein, das glaube ich nicht. Wir nutzen KI im Beteiligungsprozess, um das Wissen unserer 70.000 Mitglieder zu sammeln und einfließen zu lassen. Da hilft KI unglaublich, eine breite Partizipation zu ermöglichen und um zu sehen: Wo sind denn die heißen Themen? Wo sind vielleicht blinde Flecken? Das war ein hochinteressanter Prozess.
Frage: Die KI hilft Ihnen, den Überblick zu gewinnen?
Büttner: Genau, trifft es ganz gut.
Frage: Wäre das auch zum Beispiel auf Gesetzgebung anwendbar?
Büttner: Ich bin ehrlich gesagt als Freie Demokratin auf dem Standpunkt: Wir müssen erstmal schauen, wo wir nicht vielleicht erst einmal etwas wegstreichen können. Denn in unserem Land haben wir Regeln für alles mögliche und bis ins kleinste Detail hinein.
Frage: Was wäre denn das erste Gesetz, das Sie gerne abschaffen würden?
Büttner: Oh, es gibt so viele! Das Arbeitszeiterfassungsgesetz zum Beispiel — einfach weg. Ganz viele von diesen sogenannten Arbeitsschutzmaßnahmen bremsen doch die Arbeitnehmer selbst aus. Dass für jeden Mitarbeiter im Homeoffice detaillierte Vorgaben bestehen, wie sein Arbeitsplatz aussehen muss, führt dazu, dass Homeoffice oft nicht möglich ist. Diese Regeln können weg!
Frage: Stichwort Arbeitszeit. Gibt es in Ihren Firmen Lifestyle-Teilzeitler?
Büttner: Ich finde diese Debatte so fürchterlich herablassend! 75 Prozent der Teilzeitarbeitenden sind Frauen, die ganz oft in dem schwierigen Spagat stehen, Familie zu vereinbaren mit einer Tätigkeit. Gleichzeitig ist die Betreuungssituation an vielen Stellen nicht ausreichend. Aber wenn sieben bis neun Prozent der Arbeitszeit in diesen ganzen Aufwand mit Dokumentations- und Berichtspflichten gehen, da könnten wir auch schon ganz schön viel Zeit rausholen, die produktiver verwendet werden kann. Und dann sich hinzustellen und zu sagen, die Leute sind zu faul – ich erlebe das bei ganz vielen jungen Menschen ganz anders. Die wollen was machen, die haben Lust, was zu bewegen, die haben Ideen. Im Übrigen: Was soll sich der Staat da einmischen? Das sollen doch Mitarbeiter mit ihren Firmen ausmachen. Das Gesetz gibt dem Arbeitnehmer erst das Mittel zu sagen: Ich möchte gerne auf Teilzeit reduzieren. Diese Debatte geht von dem Bild aus: Man muss sich schützend vor alle Leute werfen, und die Unternehmer beuten die Leute nur aus. Bei uns im Unternehmen sitzen mir hochspezialisierte Experten gegenüber. Wenn ich denen keine guten Arbeitsbedingungen biete, dann sagen die einfach: War schön hier, ich gehe jetzt woanders hin!
Frage: Sie sind jetzt seit einem dreiviertel Jahr Generalsekretärin. Verstehen Sie sich eigentlich schon als Politikerin?
Büttner: Ich weiß nicht, ob es dieses Bild so überhaupt gibt. Ich bin, wie viele Menschen auch Vollblutunternehmerin. Nur eine, die jetzt Politik macht.
Frage: Wäre es Ihre Ambition, auch in den Bundestag zu gehen, wenn die FDP wieder einziehen sollte?
Büttner: Ich kann mir natürlich sehr gut vorstellen, politische Verantwortung zu übernehmen. Ich möchte ja am Ende gestalten. Das ist etwas, was einem als Unternehmer wahrscheinlich in den Venen fließt, dass man Dinge bewegen und in Gang setzen und dann auch was abliefern möchte. Aber ich muss schon sagen, dass ich im politischen Betrieb Debatten erlebe, die weit weg von der Lebensrealität vieler Menschen sind. Es wird zu viel geredet, aber es verändert sich nichts. Zu diesem Stillstand sind wir Freie Demokraten der Gegenentwurf.
Frage: Wir haben Anfang 2026. Wann wäre denn am Ende 2026 für Sie ein gutes Jahr gewesen?
Büttner: Das ist angesichts der Weltlage und der Poli-Krisen fast schon unmöglich vorherzusagen.
Frage: Aber Sie haben Ziele für Ihre Partei?
Büttner: Zuerst mal wollen wir natürlich in Baden-Württemberg in Regierungsverantwortung kommen.
Frage: In welcher Konstellation?
Büttner: Mit der FDP können Veränderungen und ein wirklicher Politikwechsel umgesetzt werden. Wahrscheinlich könnte dies mit der CDU und der SPD in einem Deutschlandbündnis werden.
Frage: Erstmal müssen Sie im Landtag bleiben. Momentan stehen Sie scharf bei 5 Prozent
Büttner: Je nach Umfrage auch klarer darüber.
Frage: Sie sind eine sehr gewagte Wette eingegangen: Wenn die FDP rausfliegt, rasieren Sie sich kahl.
Büttner: Ja.
Frage: Haben Sie schon mal mit Ihrem Frisör gesprochen?
Büttner: Nein. Wir sind eine relevante Kraft und mit uns ist auf jeden Fall zu rechnen. Ich merke, dass ganz viele Menschen spüren, dass es eine liberale Kraft braucht. Wenn man sagt, man wählt bürgerlich – dann ist es nicht egal, wem man die Stimme gibt. Nur mit der FDP wird es einen Wechsel geben. Wir haben eine höhere Wirtschaftskompetenz, wir haben die klaren Konzepte, um Verwaltung abzubauen und wir haben ein Gesellschaftsbild, das den Einzelnen stärken will.
Frage: Es gibt noch vier weitere Landtagswahlen dieses Jahr. In drei der Länder ist die FDP momentan in Umfragen nicht mal eigens ausgewiesen. In Sachsen steht sie bei zwei Prozent. Wie kommen Sie aus dieser Nichtsichtbarkeit raus?
Büttner: Ganz viele Mediengespräche, wie heute mit Ihnen. Das hat auch viel damit zu tun, wie Orts- oder Kreisverbände aktiv und sichtbar sind. Der Wahlkampf in Baden-Württemberg macht mir aber durch viele engagierte Mitglieder Mut.
Frage: Und inhaltlich? Mit dem Aufbau von Ortsverbänden werden Sie selbst bis zum Herbst das Ruder nicht herumreißen.
Büttner: In Landtagswahlkämpfen setzen Landesspitzenkandidaten die inhaltlichen Akzente. Schon einmal gelang der Wiederaufstieg der FDP über einige Landtagswahlen. In Berlin leisten wir wichtige Aufbauarbeit im Hintergrund.







