3.8.26: Der FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki gab „taz.de“ das folgende Interview. Die Fragen stellten Rainer Rutz und Cem-Odos Güler:
Frage: Herr Kubicki, in der CDU geht es drunter und drüber. Sind die Tage von Bundeskanzler Friedrich Merz gezählt?
Kubicki: Ich höre aus der Union, dass die Leute kurz vor der Revolution sind. Auch ich habe mich in der Person Merz getäuscht. Wenn man sich seine ersten Reden anhört, hätte man denken können: Die deutsche Wirtschaft klatscht, wir von der FDP klatschen. Doch dann macht er eine Politik, die das genaue Gegenteil ist. Das ist etwas, womit die Union schwer fertig werden wird.
Frage: Merz wird nach den jüngsten Personalrochaden von den eigenen Parteileuten vorgeworfen, er führe die CDU wie eine Firma. Hire and fire: Das müsste doch nach dem Geschmack der wirtschaftsfreundlichen FDP sein.
Kubicki: Aber Parteien sind nun mal keine Firmen und Deutschland ist keine Aktiengesellschaft. Solche Ideen haben sich schon in der Vergangenheit nicht bewährt. Für mich war aber vor allem die Tatsache spektakulär, dass so ein verhältnismäßig kleines Licht aus Bremen sich traut …
Frage: … der Firma-Vorwurf stammt vom Bremer CDU-Landeschef Heiko Strohmann.
Kubicki: Ja, dass sich so ein politischer Zwerg – aus Sicht eines Kanzlers – das überhaupt traut, das im Bundesvorstand zu sagen. Wenn mir das passieren würde und keiner würde mich verteidigen, müsste ich nachdenken, ob ich noch die Führungskraft bin, als die ich gewählt wurde.
Frage: Rückblickend: Waren die Ampel-Zeiten gegenüber der jetzigen Regierung erfolgreicher?
Kubicki: Sagen wir mal so: Ich bekomme gelegentlich von Kolleginnen und Kollegen von den Grünen, aber auch von Sozialdemokraten Nachrichten, in denen es heißt, so schlecht waren wir doch nicht. Aber meine Sehnsucht ist begrenzt nach einer Wiederholung der Ampel-Zeit.
Frage: Sie bereuen es also nicht, dass Sie damals so lange gegen die Grünen und auch die SPD geschossen haben, bis der Laden auseinandergeflogen ist?
Kubicki: So zu tun, als hätten die Sozialdemokraten oder die Grünen nicht auch gegen uns geschossen, finde ich ein bisschen komisch.
Frage: Aber die anderen Parteien hatten keine explizite D-Day-Strategie, um die Ampel-Koalition zu beenden.
Kubicki: Doch hatten sie auch. Sie haben es nur nicht so genannt. Es gab ein separates Treffen von Sozialdemokraten und Grünen im Juli 2024 im Kanzleramt, wo über das Ende der Koalition gesprochen wurde. Uns war allen klar, dass es so nicht weitergehen kann, weil die finanziellen Grundlagen für diese Koalition fehlten. Und dann ging es immer um die Frage: Wer ist im Zweifel schuld? Wir haben uns dann freiwillig gemeldet.
Frage: Merz hat gesagt: Kein Kanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen. Muss er mehr einstecken als Olaf Scholz oder Angela Merkel?
Kubicki: Es gibt den Satz: Wer in die Küche kommt, muss mit Hitze umgehen können. Und wer in die Politik geht, muss damit umgehen können, dass er unter Beobachtung steht und kritisiert wird. Das erleben wir alle, ich auch. Ich wurde bereits als „Knallfrosch“ und „Quartalsirrer aus dem Norden“ etikettiert. Das muss man wegstecken. Wer das nicht kann, ist falsch in der Politik.
Frage: Merz, der Jammerlappen?
Kubicki: Friedrich Merz hat sich jedenfalls als ziemlich dünnhäutig erwiesen.
Frage: Ihre Partei profitiert trotzdem nicht von der Schwäche der Union. Ist die FDP dann doch tot, wie Merz nach der Wahl in Baden-Württemberg erklärt hat?
Kubicki: Wie Sie sehen, lebe ich.
Frage: Sie sind der wandelnde Liberalismus in Deutschland?
Kubicki: Ich bin zumindest schon lange dabei und deutlich älter als die meisten Mitglieder meiner eigenen Partei. Aber zu Ihrer Frage: Der Liberalismus geht ja weit über die FDP hinaus. Die Sehnsucht nach einer freien Gesellschaft findet sich in Deutschland, aber auch weltweit.
Frage: Das dauerhafte Umfragehoch für die AfD spricht eher für die Lust am Autoritären.
Kubicki: Das ist doch zu einfach gedacht, wenn Sie die alle in die rechtsradikale Nazi-Ecke schieben. Viele Menschen wählen AfD, weil die Politik ihre Problemlösungskompetenz verloren hat. Da gibt es eine Menge schlimme Typen, definitiv. Aber bei vielen Wählern ist es pure Verzweiflung. Eine bessere Politik würde dazu führen, diese Menschen zurückzugewinnen. Nur sehe ich die momentan bedauerlicherweise nicht.
Frage: Die AfD ist schon bei der Bundestagswahl 2025 auf über 20 Prozent gekommen. Die Jahre davor hätte die FDP in der Regierung demnach auch keine bessere Politik gemacht. War es ein Fehler, dass Ihr Vorvorgänger Christian Lindner die Partei thematisch auf das Thema Wirtschaft verengt hat?
Kubicki: Auch das ist von Ihnen zu einfach in dieser Anmutung, die Freien Demokraten auf solide Staatsfinanzen zu reduzieren. Wir haben einen sehr starken gesellschaftspolitischen Ansatz. Gerade die Verteidigung des Rechtsstaates während der Coronazeit ist ein Beleg dafür. Darum haben uns 2021 ja auch so viele Menschen gewählt.
Frage: 2025 wurden Sie dann aber nicht mehr gewählt. Teile der Grünen umwerben bereits heimatlose Ex-FDPler mit dem Argument, Ihre Partei betrachte sozialliberale Themen als Schnee von gestern. Ist dem so?
Kubicki: Das wird nicht verfangen. Das ist ja auch erbärmlich, wenn die wie ein Staubsauger Stimmen abgreifen wollen, um stärker zu werden. Mit 13 bis 16 Prozent stehen die Grünen natürlich immer noch besser da als die Freien Demokraten. Aus Sicht der Grünen ist das trotzdem bescheiden, weil das keine Machtoption eröffnet. Gucken Sie sich Deutschlands Osten an. In Sachsen-Anhalt versuchen die Grünen jetzt mit taktischen Manövern zu erklären, sie müssten in den Landtag, damit eine AfD-Mehrheit verhindert wird. Erbärmlicher geht es ja nicht.
Frage: Was, bitte, ist erbärmlich daran, Rechtsextreme zu verhindern?
Kubicki: Erbärmlich sind all diese Erklärungen, dass man auf jeden Fall Union wählen muss oder die Grünen oder die FDP oder die SPD, um die AfD zu verhindern. Das ist eine gefährliche Strategie. Wenn das das einzige Argument ist, warum Menschen eine Partei unterstützen sollen, dann werden sie sich von dieser Partei abwenden.
Frage: Ihre Gegenkandidatin bei der Wahl für den Parteivorsitz, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, bezeichnete Sie nach dem Parteitag Ende Mai als „Rechtsausschläger“. Wie läuft’s denn aktuell so zwischen Ihnen beiden?
Kubicki: Wir sitzen gemeinsam im Präsidium unserer Partei und Marie-Agnes Strack-Zimmermann ist wie ich sehr sprachgewaltig. Ich bin auch der Letzte, der sie zur Mäßigung anleiten kann, weil ich ja selbst nicht derjenige bin, der sich mäßigt bei seinen Äußerungen. Aber inzwischen konzentrieren sich ihre Äußerungen ja auch wieder auf die Verteidigungspolitik und vor allen Dingen die Politik auf europäischer Ebene. Da ist sehr viel zu tun. Und ich habe gesagt: Marie-Agnes, wenn du es schaffst, dafür zu sorgen, dass wir weniger Bürokratie von Brüssel erhalten, dann hast du wirklich sehr viel erreicht.
Frage: Und der „Rechtsausschläger“?
Kubicki: Jeder der mich wirklich kennt, findet den Vorwurf absurd. Aber mir ist das relativ egal, denn ich bin noch da. Im Gegensatz zu denjenigen, die mir diese Etikettierungen verpasst haben. Das deutet doch auf eine gewisse Durchsetzungsfähigkeit, eine gewisse Beständigkeit, ein gewisses Vertrauen, das mir mittlerweile nicht nur in der Partei entgegengebracht wird, sondern auch von den Menschen in Deutschland. Ich gehöre zu den Top Ten der beliebtesten Politiker. Und das ohne Regierungsmandat, ohne Bundestagsmandat. Das hat doch was.
Frage: Sie haben gerade verklausuliert gesagt, dass Strack-Zimmermann – anders als Sie – weg vom Fenster ist?
Kubicki: Nein, das habe ich nicht gesagt und das wäre auch falsch.
Frage: Für eine gemeinsame Doppelspitze mit ihr waren Sie nicht zu haben. Dabei hätte das Ihre Partei möglicherweise befrieden können. Warum haben Sie sich hier quer gestellt?
Kubicki: Weil ich diese Doppelspitze für wenig zielführend halte. Denn wir würden regelmäßig das erleben, was Sie hier auch probieren. Man würde Kubicki fragen, man würde Strack-Zimmermann fragen, und dann versuchen, daraus einen Widerspruch herzustellen, um zu erklären: Die FDP zerfällt in zwei Lager. Das ist nicht der Fall. Sie sehen doch, dass nach meiner Wahl wieder Ruhe eingetreten ist, auch was das Verhältnis von Kubicki und Strack-Zimmermann angeht.
Frage: Apropos Ruhe. Sie sind Ende Mai mit großem Medienrummel ins Amt gekommen. Uns scheint, genutzt hat es nicht viel. In den Umfragen rangiert die FDP in der Regel weiter unter 5 Prozent. Sind Sie doch nicht der große FDP-Heilsbringer, als der Sie gefeiert wurden?
Kubicki: Erstens hängt nicht alles an Wolfgang Kubicki. Und zweitens werden wir mittlerweile bei allen Instituten wieder ausgewiesen, mit mindestens 4, bei einigen sogar mit 5 oder 5,5 Prozent. Ich bin seit acht Wochen Bundesvorsitzender der FDP. Wenn ich Ihnen im April gesagt hätte, dass die jetzt wieder bei 5 Prozent stehen würde, hätten Sie gesagt: Der Kubicki hat was geraucht. Ich bin da ausgeruht, brauche aber ein bisschen mehr als acht Wochen, um ans Ziel zu kommen.
Frage: Bei den anstehenden Landtagswahlen im Osten sieht es erst mal düster aus.
Kubicki: Ich gebe den Osten nicht verloren. Wir werden ihn auch nicht verlieren, keine Sorge.
Frage: In Berlin liegt die FDP bei 4 Prozent, ebenso in manchen Umfragen für Sachsen-Anhalt, in der jüngsten Sachsen-Anhalt-Erhebung verschwindet Ihre Partei aber wieder unter den „Sonstigen“. Auch in Mecklenburg-Vorpommern wird sie nicht ausgewiesen.
Kubicki: Noch mal: Nichts ist verloren. Vor allem nicht in Sachsen-Anhalt. Hier haben wir eine realistische Chance, wieder in den Landtag zu kommen. Auch in Berlin mache ich mir keine großen Sorgen bei der Art und Weise der Landes-CDU, die viele Bürgerliche abstößt. Mecklenburg-Vorpommern ist herausfordernder. Wir haben dort 600 Mitglieder und weniger Strukturen. Ich kann da 50 Kilometer übers Land fahren und treffe keinen einzigen Liberalen.
Frage: Sie haben die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern für die FDP also abgeschrieben?
Kubicki: Nein, aber es ist eben in Mecklenburg-Vorpommern nicht ganz so einfach. Aber mit einem allgemeinen Trend, der uns deutlich über die 5 Prozent hebt, sähe es schon wieder anders aus. Und glauben Sie mir: Der Wiederaufstieg der FDP ist mittelfristig nicht aufzuhalten. Ob Sie das freut oder ärgert, dürfen Sie sich selbst aussuchen.
TEUTEBERG: Wir brauchen einen gesamtdeutschen antitotalitären Konsens
12.8.26: Anlässlich des 65. Jahrestags des Mauerbaus erklärt die stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Linda Teuteberg:
„Der 65. Jahrestag des Mauerbaus ist auch Anlass, derjenigen zu gedenken, die in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR für Freiheit, Recht und Demokratie eingetreten sind. Der SED-Staat war eine Diktatur – von Anfang an. Die Unterdrückung war nicht Betriebsunfall, sondern Existenzbedingung der SED-Diktatur. Es waren aufrechte Demokraten wie der junge liberale Politiker Arno Esch, die ihren Einsatz für Freiheit, Recht und Demokratie mit ihrem Leben bezahlt haben. Arno Esch wurde am 24. Juli 1951 in Moskau hingerichtet, weil er sich mit dem Unrecht der SED-Diktatur nicht abfinden wollte.
Bis heute sind zahlreiche Straßen und Plätze nach Repräsentanten der SED benannt, während die Erinnerung an die Opfer der kommunistischen Diktatur im öffentlichen Raum immer noch unterrepräsentiert ist. Statt öffentlicher Orte, die nach SED-Machthabern wie Wilhelm Pieck benannt sind, brauchen wir mehr Sichtbarkeit mutiger, unerschrockener Demokraten wie Arno Esch, Herbert Belter, Johanna Kuhfuß u.a. im öffentlichen Raum der Bundesrepublik Deutschland. Wir ermutigen die Kommunen, diese erinnerungspolitische Verantwortung wahrzunehmen.
Freiheit braucht Erinnerungskultur und eine gemeinsame Zukunft braucht ein gemeinsames Gedächtnis. Wir sollten uns von der Geschichtsschreibung der SED-Diktatur emanzipieren, statt ihre Legenden zu konservieren. In Zeiten, in denen totalitäre und kollektivistische Ideen wieder Konjunktur haben, wollen wir deutlich machen, dass ein antitotalitärer Konsens zu den Grundlagen einer gefestigten freiheitlich-demokratischen Ordnung gehört. Wir brauchen ein gesamtdeutsches antitotalitäres Ethos.“
STRASSER: Wir brauchen handlungsfähige Nachrichtendienste statt eines Befugnis-Wunschzettels
12.8.26: Anlässlich des geplanten Kabinettsbeschlusses zur Reform der Nachrichtendienste erklärt das FDP-Präsidiumsmitglied und der rechtspolitische Sprecher Benjamin Strasser:
„Deutschland ist durch Spionage, Sabotage, Cyberangriffe und Extremismus erheblichen Bedrohungen ausgesetzt. Unsere Nachrichtendienste müssen darauf wirksame Antworten geben können. Erfolgreiche Sicherheitspolitik misst sich aber nicht daran, wie viele neue Befugnisse ein Innenminister in ein Gesetz schreibt. Denn nicht jedes Sicherheitsproblem ist ein Befugnisproblem.
Online-Durchsuchung und immer neue Überwachungsbefugnisse sind die Allzeit-Schlager der Innenpolitik. Sie ersetzen aber keine Antwort auf die Frage, warum Informationen, die der Staat bereits hat, zu oft nicht rechtzeitig dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Vielmehr handelt es sich hierbei um einen unverhältnismäßigen Angriff auf unsere Bürgerrechte.
Gleichzeitig werden die Grenzen zwischen Nachrichtendiensten und Polizei immer weiter verwischt. Aus einem Nachrichtendienst darf aber keine zweite Polizei werden. Wer im Verborgenen Informationen sammelt, soll nicht zugleich polizeiliche Befugnisse ausüben. Diese Trennung verhindert zu viel staatliche Macht in einer Hand und sichert die Kontrolle durch Parlament und Öffentlichkeit.
Die schrecklichen Anschläge der vergangenen Jahre, wie der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt oder zuletzt auf den CSD, haben immer wieder dieselben Defizite in unserer Sicherheitsarchitektur offengelegt. Sämtliche Attentäter waren polizeibekannt und wurden engmaschig überwacht. Trotzdem wurden vorhandene Informationen nicht schnell genug zusammengeführt. Zuständigkeiten sind zersplittert und Behörden arbeiten zu häufig nebeneinander statt miteinander. Genau dort muss eine echte Nachrichtendienstreform ansetzen.
Innenminister Dobrindt sollte deshalb aus seinem Befugnis-Wunschzettel eine echte Strukturreform machen: bessere Zusammenarbeit, schnellere Informationswege, moderne gemeinsame IT und klare Verantwortlichkeiten. Gleichzeitig brauchen weitreichende Befugnisse auch immer eine wirksame unabhängige und parlamentarische Kontrolle, die diesen Entwicklungen stand hält.”
KUBICKI-Kolumne: Mit Schmutzkampagne zu Rot-Rot-Grün
8.8.26: Der FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki schrieb für Cicero Online folgende Kolumne:
Im September sind in Sachsen-Anhalt bekanntlich Landtagswahlen. Wie diese und die anstehenden Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern dazu führen, dass die Union die Nerven verliert, war ja eindrücklich am kopflosen Kabinettsumbau von Friedrich Merz zu studieren.
Nicht kopflos, sondern überaus geplant, taktierend und skrupellos mischt sich eine Berliner Firma in den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt ein, die sich „The Goodforces“ nennt. Mit einer sehr professionellen und gut orchestrierten Kampagne will man die Wählerinnen und Wähler zum „taktischen Wählen“ anhalten. Je mehr kleine Parteien im nächsten Landtag in Sachsen-Anhalt sitzen, desto kleiner sei die Wahrscheinlichkeit, dass die AfD mit einem Ergebnis um die 40 Prozent eine Alleinregierung stellen könne, hämmert die Agentur ihren Adressaten ein.
Dabei wird beteuert, dass man überparteilich sei und die ganze Angelegenheit nur dem höheren Ziel der Verhinderung einer AfD-Regierung diene. Empfohlen wird ausschließlich die Wahl von SPD und Bündnis 90/Die Grünen. Warum man die Wahl der FDP nicht unterstütze, wurde auf der Seite von „taktisch wählen“ zunächst mit der handfesten Falschbehauptung begründet, die FDP würde womöglich eine Regierung mit der AfD bilden. Diese Begründung wurde nunmehr ausgetauscht. Nun soll der Grund sein, dass die FDP zu weit von der Fünfprozenthürde entfernt sei – dabei sieht das Meinungsforschungsinstitut INSA die FDP gleichauf mit Bündnis 90/Die Grünen, für die man ja immerhin eifrig trommeln will.
Ein weiterer Grund sei das „unklare Verhältnis“ der Bundespartei FDP und meiner Person zur AfD. Dabei habe ich immer deutlich gesagt, dass eine Koalition der FDP mit der AfD in meinem politischen Leben ausgeschlossen ist, weil nationale Kollektivisten nicht anschlussfähig sind an die Partei der Eigenverantwortung und des freien Individuums. Gleichzeitig habe ich auch immer wieder gesagt, dass ich meine Überzeugungen nicht vom Abstimmungsverhalten anderer Parteien abhängig machen werde.
Damit dürfte mein Verhältnis zur AfD viel klarer sein als das der Brandmauer-Apologeten, denn sie begeben sich in direkte Abhängigkeit vom Abstimmungsverhalten der AfD. Ich tue das nicht. „The Goodforces“ arbeitet also weiter mit Unwahrheiten, um die Wahl in Sachsen-Anhalt zu beeinflussen.
Wer ist also diese GmbH, die sich „die guten Kräfte“ nennt und mit so finsteren Mitteln agiert? Ein Blick auf die Webseite verrät: Sie sind alles, aber nicht überparteilich. „Wir hacken Diskurs“ wird einem da gleich auf der Startseite bekannt gegeben. Und weiter unten heißt es: „Wir organisieren Aufmerksamkeit, damit progressive Narrative früh sichtbar werden, bevor Diskurse sich verfestigen.“
Geworben wird mit Bildern zu den Kampagnen „Töchter gegen Merz“ oder „FBG muss Richterin werden“ (gemeint ist Frauke Brosius-Gersdorf). Eine Schaufensterkampagne ist unter anderem das Projekt „neunund20“. Nach eigenen Angaben handelt es sich dabei um einen „jungen, progressiven Raum für politische Kampagnen und digitale Kommunikation“ mit dem Ziel, „progressive Kräfte wieder in die gesellschaftliche Offensive zu bringen“.
Noch mehr Klarheit bietet der Instagram-Auftritt der Kampagne. „Wir haben einen Plan“ heißt es dort in den vielen professionell gedrehten Videos immer wieder. Und der Plan lautet: Bei der Bundestagswahl 2029 soll eine Mehrheit aus SPD, Grünen und Linken errungen werden und die Geschicke dieses Landes bestimmen.
Unter einem Post schreiben die Verantwortlichen beispielsweise jubelnd: „Der Glaube an Rot-Rot-Grün ist alles andere als verloren, er kommt gerade erst wieder richtig auf! Und das haben wir euch zu verdanken. Gemeinsam zeigen wir, dass Politik auch anders geht: sozial, gerechter und progressiver!“
Die vermeintlichen Retter der Demokratie kämpfen also nicht überparteilich, sondern für ein dezidiert linkes Bündnis. Also für eine Bundesregierung unter Beteiligung der Linken. Das bedeutet ganz konkret: für eine Bundesrepublik, die die Mitgliedschaft in der NATO infrage stellt. Für eine Bundesregierung, in der eine Partei das Sagen hat, bei der ein offensichtliches Antisemitismusproblem besteht. Für ein Land, in dem antimarktwirtschaftliche Kräfte den Ton angeben.
Es geht bei der Linken längst nicht mehr nur um die Schatten der Vergangenheit der SED-Diktatur. Den Teil des Ost-Bürgertums, den die PDS noch abdeckte, hat man längst an AfD und BSW verloren. Die Linke hat sich derweil in den letzten Jahren radikalisiert. Im Jahr 2023 zählte sie noch knapp über 50.000 Mitglieder. Jetzt sind es fast 130.000, und mit dem Überrennen der Partei ist eine beispiellose Radikalisierung eingetreten. Noch antiwestlicher und „antiimperialistisch“, mit allen antisemitischen und antidemokratischen Schattierungen, die dazugehören.
So verwunderlich das klingt: Die Linke ist heute eine viel gefährlichere Partei als noch vor einigen Jahren. Die Realos sind entmachtet, die Radikalen haben übernommen. Der neue Parteivorsitzende mit seinen Ausfällen ist da nur ein Beispiel. Sein Vorgänger war schon nicht viel besser.
Eine Regierungsbeteiligung der Linken würde die Bundesrepublik geradezu ins Verderben führen. Sie würde die Gründungsgewissheiten der Bundesrepublik Deutschland infrage stellen, insbesondere die Westbindung und die Solidarität mit dem israelischen Volk.
Das ist die Vision, für die „The Goodforces“ in Wahrheit kämpft. Sachsen-Anhalt ist nur ein Vehikel, um Diskursmacht zu erringen. Sie ist übrigens keinesfalls so unwahrscheinlich, wie viele glauben. Denn die Polarisierung zwischen den vermeintlich Progressiven und der extremen Rechten droht die Mitte zu zermalmen.
Die rot-rot-grüne Vision von „The Goodforces“ und die völkische Vision von Björn Höcke haben quasi einen Patt. Die Mitte ist es, die diesen beiden antiwestlichen und antifreiheitlichen Alternativen jeweils im Weg steht. Aus ihrer Sicht dürfte die Brandmauer blendend funktionieren, denn der Brand breitet sich aus ihrer Sicht auf der richtigen Seite aus. Das, wofür „The Goodforces“ kämpft, wird die Bundesrepublik nicht retten, sondern sie so, wie wir sie kennen, zerstören, denn anders ist das von ihr favorisierte Projekt nicht realisierbar. Es ist eine klare politische Agenda, um dieses Land auf links zu drehen, und sie rühmen sich sogar dessen. Dass diese finanzkräftige Schmutzkampagne keinen bundesweiten Skandal auslöst, ist ein schlechtes Zeichen für unser demokratisches Immunsystem.
Die Agentur ist übrigens eine Tochter von „The Goodchoice“, die wiederum von „The Goodwins“ 2024 aus den Angeln gehoben wurde. Letztere haben mit „The Goodforces“ unter anderem den Landtagswahlkampf der Grünen in Rheinland-Pfalz betreut. „The Goodwins“ wiederum hatte mit der Kultusministerkonferenz und dem Bundesforschungsministerium auch schon öffentliche Auftraggeber. Das war allerdings vor den Schmutzkampagnen. Für die Zukunft muss dies ausgeschlossen werden. Den Gedanken, dass linksextremes Agendasetting und derart verwerfliche Kampagnen gegen die Mitte auch noch indirekt mit Steuergeldern finanziert werden, halte ich für unerträglich.
Und ansonsten hoffe ich, dass jeder mit demokratischer Achtung den Haustürwahlkämpfern von „The Goodforces“ die Tür vor der Nase zuknallen wird. Die Mitte lässt sich nicht gerne für dumm verkaufen.
TEUTEBERG-Interview: Deutschland braucht eine liberale Stimme im Bundestag
6.8.26: Die stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Linda Teuteberg gab dem „Westfalen-Blatt“ und „westfalen-blatt.de“ das folgende Interview. Die Fragen stellte Friederike Niemeyer:
Frage: Nach dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag: Warum wollten Sie weiter ehrenamtlich als stellvertretende Parteivorsitzende Verantwortung übernehmen?
Teuteberg: Dafür gibt es einen ernsten Grund: Deutschland braucht eine liberale Stimme im Bundestag, die für Freiheit und Eigenverantwortung jedes Bürgers eintritt. Eine politische Kraft, für die das Erwirtschaften vor dem Verteilen kommt und die Freiheit und Verantwortung wieder anziehend macht. Die FDP hat das Potenzial, diese Aufgabe überzeugend auszufüllen, wenn sie den Mut dazu aufbringt. Dazu möchte ich beitragen.
Frage: Deutschland befindet sich nach wie vor in einer wirtschaftlichen Flaute, dennoch wirkt es aktuell wieder so, als sei die Regierung vor allem mit sich selbst beschäftigt. Wie sieht Ihre Sicht darauf aus?
Teuteberg: Das begründete Vertrauen darauf, dass sich Anstrengungs- und Investitionsbereitschaft in Deutschland lohnen, gilt es wiederherzustellen. Das muss oberste Priorität haben. Das gilt für die zusätzliche Arbeitsstunde bei Arbeitnehmern genauso wie für die Selbstständigen. Es betrifft die Handwerksmeister, die sich fragen, ob sie ihrem Sohn oder ihrer Tochter noch empfehlen können, den Betrieb zu übernehmen und die mittelständischen Unternehmer, die sich fragen, ob ihre Erweiterungsinvestition in Deutschland stattfindet oder anderswo. Solche Entscheidungen fallen wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit täglich gegen unser Land. Das muss dringend umgekehrt werden. Dafür braucht es die richtigen Signale. Kleines Karo ist nicht meine Sache. Ich schaue keineswegs mit Häme auf diese Bundesregierung. Mich besorgt, dass jeden Monat allein in der Industrie 15.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit von Kompromissen muss die Richtung stimmen. Doch beispielsweise Selbstständige in die Rentenversicherung zu zwingen und Mehrbelastungen unter anderem bei Einkommensteuer und Rentenversicherungsbeiträgen sind falsche Signale.
Frage: Apropos richtige Richtung: Die Umfragewerte der FDP erholen sich nur sehr langsam, zuletzt 4 Prozent im ZDF-Politbarometer und 5 Prozent bei Insa. Das kann nicht so ganz Ihr Anspruch sein. Wird die FDP nicht mehr gebraucht?
Teuteberg: Vertrauen baut man nicht im Handumdrehen wieder auf. Aus der außerparlamentarischen Opposition heraus ist es zudem viel schwieriger, medial vorzukommen, und wir ergreifen jede Gelegenheit. Wir spüren gleichzeitig an Reaktionen der Bürger und steigenden Mitgliederzahlen, dass der Bedarf da ist. Viele Menschen wünschen sich eine politische Kraft, die für wirtschaftliche Vernunft steht, die Anwalt der fleißigen und verantwortungsbereiten Menschen ist und darauf achtet, dass sich der Staat weder zu sehr einmischt noch verzettelt.
Frage: Die FDP hat sich auch ein neues Logo gegeben. Um die FDP sichtbarer zu machen, müsste es aber doch eher um Inhalte gehen, oder?
Teuteberg: Unbedingt. Das eine schließt das andere ja nicht aus.
Frage: Der neue Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki hat mediale Präsenz. Aber braucht die FDP nicht auch weitere Gesichter?
Teuteberg: Die Kandidatur und das bisherige Wirken von Wolfgang Kubicki hat schon dazu geführt, dass es wieder Interesse gibt an den Freien Demokraten. Die Richtung stimmt. Er hat ja aus guten Gründen auch andere – unter anderem mich – gebeten, in der neuen Mannschaft mitzuarbeiten. Dass wir verschiedene Persönlichkeiten brauchen, ist ihm bewusst.
Frage: Die anstehenden Landtagswahlen sind ein wichtiger Gradmesser für die Akzeptanz der FDP. Was wünschen Sie sich da für Ihre Partei und was würde es bedeuten, wenn die FDP auch in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern aus den Parlamenten fällt?
Teuteberg: Es wäre vor allem für Sachsen-Anhalt, wo die FDP mitregiert, gut, wenn die FDP mit dabei ist. Es steckt so viel Potenzial in diesem Land. Da braucht es Freie Demokraten im Landtag. Wir kämpfen um jede Wählerin und jeden Wähler.
Frage: Inzwischen gibt es mit Kai Abruszat (Stemwede), Florian Haase (Rahden) und Christian Sauter (Extertal) drei FDP-Bürgermeister in OWL, dazu kandidiert jetzt Frank Schäffler in Lemförde, wo im September Kommunalwahlen sind. Kann die FDP aus dem Kommunalen neue Kraft schöpfen?
Teuteberg: Kommunale Selbstverwaltung ist die Keimzelle der Demokratie. Kompetente Persönlichkeiten vor Ort sind ein Aushängeschild dafür, dass die FDP etwas anzubieten hat. Wird sind natürlich stolz auf unsere Bürgermeister und kommunalen Mandatsträger und ich schätze die Genannten sehr.
Frage: Im Kommunalen punkten Liberale gerade mit Pragmatismus, in der Ampelzeit im Bund wurde aber auch etwa durch gesellschaftspolitische Entscheidungen Vertrauen bei so manchem Wähler zerstört. Wie ist Ihre Haltung zu den Ampeljahren?
Teuteberg: Von der Ampel selbst müssen wir uns tatsächlich ein Stück weit erholen und sie war keine Liebesheirat. Zugleich hat die FDP einiges erkämpft, beispielsweise den Ausgleich der kalten Progression bei der Einkommensteuer. Wir haben uns gegen überbordende Verschuldung gestemmt und zahlreiche konkrete Vorschläge für neue wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes vorgelegt. Wer unvoreingenommen wahrnimmt, wie die aktuelle Bundesregierung bei Megaverschuldung sowohl Steuern erhöht als auch weniger aus dem Kernhaushalt investiert, kann das nicht geringschätzen.
Frage: Anderes Thema: Der Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, in dem sie sich engagieren, widmet sich der Erinnerungskultur sowohl in Bezug auf die Nazi-Diktatur als auch auf die DDR. Warum ist Ihnen das wichtig?
Teuteberg: Nur wer darum weiß, wie Würde und Freiheit von Menschen durch Diktaturen verletzt werden, kann ermessen, wie kostbar es ist, in einem demokratischen Rechtsstaat zu leben. Die DDR habe ich als Kind noch erlebt. Die zunehmende Verharmlosung und Weichzeichnung der SED-Diktatur ist unerträglich und unverantwortlich. Die nationalsozialistischen Verbrechen dürfen nicht relativiert und die Verbrechen kommunistischer Diktaturen nicht unter Verweis auf NS-Unrecht bagatellisiert werden. Freiheit braucht Erinnerungskultur.
Frage: Wie beeinflusst diese Beschäftigung Ihre Haltung zur AfD?
Teuteberg: Eine Partei, die die West-Integration und die Nato-Mitgliedschaft in Frage stellt und Putins Sprachrohr in deutschen Parlamenten ist – nichts könnte Liberalen ferner liegen. Bei vielen Themen gilt das auch für die Linke. Ich stehe für einen antitotalitären Konsens. Es liegt an jedem von uns, die Demokratie mit Leben zu füllen und zivilisiert zu streiten. Repräsentationslücken hingegen schwächen die Demokratie und nutzen der AfD. Zwischen verfassungsfeindlichen, extremistischen Positionen einerseits und anderen, die umstritten, aber verfassungskonform und damit legitimer Teil des Meinungsspektrums sind, ist sorgfältig zu unterscheiden. Von links werden auch Letztere, etwa eine marktwirtschaftliche Energiepolitik oder eine rechtsstaatlich restriktivere Migrationspolitik wider besseren Wissens diskreditiert. Die Demokratie kennt aber kein Sondererziehungsrecht eines politischen Lagers.
KUBICKI-Interview: Der Wiederaufstieg der FDP ist nicht aufzuhalten
3.8.26: Der FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki gab „taz.de“ das folgende Interview. Die Fragen stellten Rainer Rutz und Cem-Odos Güler:
Frage: Herr Kubicki, in der CDU geht es drunter und drüber. Sind die Tage von Bundeskanzler Friedrich Merz gezählt?
Kubicki: Ich höre aus der Union, dass die Leute kurz vor der Revolution sind. Auch ich habe mich in der Person Merz getäuscht. Wenn man sich seine ersten Reden anhört, hätte man denken können: Die deutsche Wirtschaft klatscht, wir von der FDP klatschen. Doch dann macht er eine Politik, die das genaue Gegenteil ist. Das ist etwas, womit die Union schwer fertig werden wird.
Frage: Merz wird nach den jüngsten Personalrochaden von den eigenen Parteileuten vorgeworfen, er führe die CDU wie eine Firma. Hire and fire: Das müsste doch nach dem Geschmack der wirtschaftsfreundlichen FDP sein.
Kubicki: Aber Parteien sind nun mal keine Firmen und Deutschland ist keine Aktiengesellschaft. Solche Ideen haben sich schon in der Vergangenheit nicht bewährt. Für mich war aber vor allem die Tatsache spektakulär, dass so ein verhältnismäßig kleines Licht aus Bremen sich traut …
Frage: … der Firma-Vorwurf stammt vom Bremer CDU-Landeschef Heiko Strohmann.
Kubicki: Ja, dass sich so ein politischer Zwerg – aus Sicht eines Kanzlers – das überhaupt traut, das im Bundesvorstand zu sagen. Wenn mir das passieren würde und keiner würde mich verteidigen, müsste ich nachdenken, ob ich noch die Führungskraft bin, als die ich gewählt wurde.
Frage: Rückblickend: Waren die Ampel-Zeiten gegenüber der jetzigen Regierung erfolgreicher?
Kubicki: Sagen wir mal so: Ich bekomme gelegentlich von Kolleginnen und Kollegen von den Grünen, aber auch von Sozialdemokraten Nachrichten, in denen es heißt, so schlecht waren wir doch nicht. Aber meine Sehnsucht ist begrenzt nach einer Wiederholung der Ampel-Zeit.
Frage: Sie bereuen es also nicht, dass Sie damals so lange gegen die Grünen und auch die SPD geschossen haben, bis der Laden auseinandergeflogen ist?
Kubicki: So zu tun, als hätten die Sozialdemokraten oder die Grünen nicht auch gegen uns geschossen, finde ich ein bisschen komisch.
Frage: Aber die anderen Parteien hatten keine explizite D-Day-Strategie, um die Ampel-Koalition zu beenden.
Kubicki: Doch hatten sie auch. Sie haben es nur nicht so genannt. Es gab ein separates Treffen von Sozialdemokraten und Grünen im Juli 2024 im Kanzleramt, wo über das Ende der Koalition gesprochen wurde. Uns war allen klar, dass es so nicht weitergehen kann, weil die finanziellen Grundlagen für diese Koalition fehlten. Und dann ging es immer um die Frage: Wer ist im Zweifel schuld? Wir haben uns dann freiwillig gemeldet.
Frage: Merz hat gesagt: Kein Kanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen. Muss er mehr einstecken als Olaf Scholz oder Angela Merkel?
Kubicki: Es gibt den Satz: Wer in die Küche kommt, muss mit Hitze umgehen können. Und wer in die Politik geht, muss damit umgehen können, dass er unter Beobachtung steht und kritisiert wird. Das erleben wir alle, ich auch. Ich wurde bereits als „Knallfrosch“ und „Quartalsirrer aus dem Norden“ etikettiert. Das muss man wegstecken. Wer das nicht kann, ist falsch in der Politik.
Frage: Merz, der Jammerlappen?
Kubicki: Friedrich Merz hat sich jedenfalls als ziemlich dünnhäutig erwiesen.
Frage: Ihre Partei profitiert trotzdem nicht von der Schwäche der Union. Ist die FDP dann doch tot, wie Merz nach der Wahl in Baden-Württemberg erklärt hat?
Kubicki: Wie Sie sehen, lebe ich.
Frage: Sie sind der wandelnde Liberalismus in Deutschland?
Kubicki: Ich bin zumindest schon lange dabei und deutlich älter als die meisten Mitglieder meiner eigenen Partei. Aber zu Ihrer Frage: Der Liberalismus geht ja weit über die FDP hinaus. Die Sehnsucht nach einer freien Gesellschaft findet sich in Deutschland, aber auch weltweit.
Frage: Das dauerhafte Umfragehoch für die AfD spricht eher für die Lust am Autoritären.
Kubicki: Das ist doch zu einfach gedacht, wenn Sie die alle in die rechtsradikale Nazi-Ecke schieben. Viele Menschen wählen AfD, weil die Politik ihre Problemlösungskompetenz verloren hat. Da gibt es eine Menge schlimme Typen, definitiv. Aber bei vielen Wählern ist es pure Verzweiflung. Eine bessere Politik würde dazu führen, diese Menschen zurückzugewinnen. Nur sehe ich die momentan bedauerlicherweise nicht.
Frage: Die AfD ist schon bei der Bundestagswahl 2025 auf über 20 Prozent gekommen. Die Jahre davor hätte die FDP in der Regierung demnach auch keine bessere Politik gemacht. War es ein Fehler, dass Ihr Vorvorgänger Christian Lindner die Partei thematisch auf das Thema Wirtschaft verengt hat?
Kubicki: Auch das ist von Ihnen zu einfach in dieser Anmutung, die Freien Demokraten auf solide Staatsfinanzen zu reduzieren. Wir haben einen sehr starken gesellschaftspolitischen Ansatz. Gerade die Verteidigung des Rechtsstaates während der Coronazeit ist ein Beleg dafür. Darum haben uns 2021 ja auch so viele Menschen gewählt.
Frage: 2025 wurden Sie dann aber nicht mehr gewählt. Teile der Grünen umwerben bereits heimatlose Ex-FDPler mit dem Argument, Ihre Partei betrachte sozialliberale Themen als Schnee von gestern. Ist dem so?
Kubicki: Das wird nicht verfangen. Das ist ja auch erbärmlich, wenn die wie ein Staubsauger Stimmen abgreifen wollen, um stärker zu werden. Mit 13 bis 16 Prozent stehen die Grünen natürlich immer noch besser da als die Freien Demokraten. Aus Sicht der Grünen ist das trotzdem bescheiden, weil das keine Machtoption eröffnet. Gucken Sie sich Deutschlands Osten an. In Sachsen-Anhalt versuchen die Grünen jetzt mit taktischen Manövern zu erklären, sie müssten in den Landtag, damit eine AfD-Mehrheit verhindert wird. Erbärmlicher geht es ja nicht.
Frage: Was, bitte, ist erbärmlich daran, Rechtsextreme zu verhindern?
Kubicki: Erbärmlich sind all diese Erklärungen, dass man auf jeden Fall Union wählen muss oder die Grünen oder die FDP oder die SPD, um die AfD zu verhindern. Das ist eine gefährliche Strategie. Wenn das das einzige Argument ist, warum Menschen eine Partei unterstützen sollen, dann werden sie sich von dieser Partei abwenden.
Frage: Ihre Gegenkandidatin bei der Wahl für den Parteivorsitz, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, bezeichnete Sie nach dem Parteitag Ende Mai als „Rechtsausschläger“. Wie läuft’s denn aktuell so zwischen Ihnen beiden?
Kubicki: Wir sitzen gemeinsam im Präsidium unserer Partei und Marie-Agnes Strack-Zimmermann ist wie ich sehr sprachgewaltig. Ich bin auch der Letzte, der sie zur Mäßigung anleiten kann, weil ich ja selbst nicht derjenige bin, der sich mäßigt bei seinen Äußerungen. Aber inzwischen konzentrieren sich ihre Äußerungen ja auch wieder auf die Verteidigungspolitik und vor allen Dingen die Politik auf europäischer Ebene. Da ist sehr viel zu tun. Und ich habe gesagt: Marie-Agnes, wenn du es schaffst, dafür zu sorgen, dass wir weniger Bürokratie von Brüssel erhalten, dann hast du wirklich sehr viel erreicht.
Frage: Und der „Rechtsausschläger“?
Kubicki: Jeder der mich wirklich kennt, findet den Vorwurf absurd. Aber mir ist das relativ egal, denn ich bin noch da. Im Gegensatz zu denjenigen, die mir diese Etikettierungen verpasst haben. Das deutet doch auf eine gewisse Durchsetzungsfähigkeit, eine gewisse Beständigkeit, ein gewisses Vertrauen, das mir mittlerweile nicht nur in der Partei entgegengebracht wird, sondern auch von den Menschen in Deutschland. Ich gehöre zu den Top Ten der beliebtesten Politiker. Und das ohne Regierungsmandat, ohne Bundestagsmandat. Das hat doch was.
Frage: Sie haben gerade verklausuliert gesagt, dass Strack-Zimmermann – anders als Sie – weg vom Fenster ist?
Kubicki: Nein, das habe ich nicht gesagt und das wäre auch falsch.
Frage: Für eine gemeinsame Doppelspitze mit ihr waren Sie nicht zu haben. Dabei hätte das Ihre Partei möglicherweise befrieden können. Warum haben Sie sich hier quer gestellt?
Kubicki: Weil ich diese Doppelspitze für wenig zielführend halte. Denn wir würden regelmäßig das erleben, was Sie hier auch probieren. Man würde Kubicki fragen, man würde Strack-Zimmermann fragen, und dann versuchen, daraus einen Widerspruch herzustellen, um zu erklären: Die FDP zerfällt in zwei Lager. Das ist nicht der Fall. Sie sehen doch, dass nach meiner Wahl wieder Ruhe eingetreten ist, auch was das Verhältnis von Kubicki und Strack-Zimmermann angeht.
Frage: Apropos Ruhe. Sie sind Ende Mai mit großem Medienrummel ins Amt gekommen. Uns scheint, genutzt hat es nicht viel. In den Umfragen rangiert die FDP in der Regel weiter unter 5 Prozent. Sind Sie doch nicht der große FDP-Heilsbringer, als der Sie gefeiert wurden?
Kubicki: Erstens hängt nicht alles an Wolfgang Kubicki. Und zweitens werden wir mittlerweile bei allen Instituten wieder ausgewiesen, mit mindestens 4, bei einigen sogar mit 5 oder 5,5 Prozent. Ich bin seit acht Wochen Bundesvorsitzender der FDP. Wenn ich Ihnen im April gesagt hätte, dass die jetzt wieder bei 5 Prozent stehen würde, hätten Sie gesagt: Der Kubicki hat was geraucht. Ich bin da ausgeruht, brauche aber ein bisschen mehr als acht Wochen, um ans Ziel zu kommen.
Frage: Bei den anstehenden Landtagswahlen im Osten sieht es erst mal düster aus.
Kubicki: Ich gebe den Osten nicht verloren. Wir werden ihn auch nicht verlieren, keine Sorge.
Frage: In Berlin liegt die FDP bei 4 Prozent, ebenso in manchen Umfragen für Sachsen-Anhalt, in der jüngsten Sachsen-Anhalt-Erhebung verschwindet Ihre Partei aber wieder unter den „Sonstigen“. Auch in Mecklenburg-Vorpommern wird sie nicht ausgewiesen.
Kubicki: Noch mal: Nichts ist verloren. Vor allem nicht in Sachsen-Anhalt. Hier haben wir eine realistische Chance, wieder in den Landtag zu kommen. Auch in Berlin mache ich mir keine großen Sorgen bei der Art und Weise der Landes-CDU, die viele Bürgerliche abstößt. Mecklenburg-Vorpommern ist herausfordernder. Wir haben dort 600 Mitglieder und weniger Strukturen. Ich kann da 50 Kilometer übers Land fahren und treffe keinen einzigen Liberalen.
Frage: Sie haben die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern für die FDP also abgeschrieben?
Kubicki: Nein, aber es ist eben in Mecklenburg-Vorpommern nicht ganz so einfach. Aber mit einem allgemeinen Trend, der uns deutlich über die 5 Prozent hebt, sähe es schon wieder anders aus. Und glauben Sie mir: Der Wiederaufstieg der FDP ist mittelfristig nicht aufzuhalten. Ob Sie das freut oder ärgert, dürfen Sie sich selbst aussuchen.
KUBICKI-Kolumne: Über die Kanzlerkrise wird Deutschland vergessen
1.8.26: Der FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki schrieb für Cicero Online folgende Kolumne:
Seit dem Rücktritt von Jens Spahn wird die politische Debatte in Deutschland von dem Scherbenhaufen bestimmt, den der Bundeskanzler mit seiner kopflosen und undurchdachten Kabinettsumbildung angerichtet hat. Nicht einmal der schreckliche Terrorangriff auf den Christopher Street Day in Berlin hat daran wirklich etwas geändert, obwohl die Tat ein Schlaglicht auf viele Probleme wirft, die wir in diesem Land haben. Aber die Fassungslosigkeit über die Entscheidungen des Kanzlers selbst und die Art und Weise, wie der Kanzler sie umgesetzt hat, ist einfach zu groß. Da werden Bundesminister im Urlaub per Telefon von ihrer anstehenden Entlassung informiert, da wird der honorige Patrick Schnieder in einem – wie er selbst zutreffend schrieb – unwürdigen Zustand einer nicht offen ausgesprochenen, aber überall kommunizierten Abberufung belassen. Das Gesundheitsressort wird mitten in einem Reformprozess einem Mann übertragen, der in großer Offenheit kommuniziert, noch nicht genug Ahnung von der Materie zu haben. Der zuständige parlamentarische Staatssekretär, dessen fachliche Expertise unstreitig ist, kriegt zum Abschied nicht einmal ein Gespräch mit dem Kanzler. Dem Mann, der ihn für dieses Amt vorgeschlagen hat.
Ein ehrenamtlicher Bürgermeister hat mir gegenüber auf den Punkt gebracht, was viele empfinden mögen, die sich in den Kommunen politisch einbringen: Wenn ich mich politisch so dilettantisch verhalten würde, hätte man mich schon lange vom Hof gejagt.
Wenn meiner Partei auf dem Höhepunkt des Ampel-Frusts vorgeworfen wurde, warum wir uns auf diese Koalition eingelassen haben, habe ich immer wahrheitsgemäß darauf hingewiesen, dass die Union nach der Bundestagswahl 2021 sich in einem nicht regierungsfähigen Zustand befand. Dass sich der Zustand der Union seither nicht wesentlich verbessert hat, dass er nur vom Machtwillen der Funktionäre, gutem Marketing und dem ehrlichen, aber fehlgeleiteten Glauben an die Führungsstärke von Friedrich Merz camoufliert wurde, konnte ich mir nicht vorstellen. Aber genau so ist es.
Das Schlimme an dieser Situation ist allerdings keinesfalls der Zustand der CDU, sondern dass durch dieses Sommertheater keiner mehr darüber redet, wo die Probleme dieses Landes liegen und wie sie gelöst werden können. BMW hat in dieser Woche angekündigt, 8.000 Jobs zu streichen, und reiht sich damit in die Hiobsbotschaften rund um die deutsche Autoindustrie ein: 5.000 Jobs entfallen bei Porsche, bei VW stehen die Standorte Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm vor dem Aus, und die in dieser Woche bei Mercedes veröffentlichten Quartalszahlen zeigen erneut einen dramatischen Einbruch bei den Verkaufszahlen. Jeden Monat gehen in Deutschland laut BDI 15.000 Arbeitsplätze in der Industrie verloren, und die Nachrichtenlage wird vom Gemütszustand des Kanzlers dominiert.
Aber nicht nur in der Wirtschaft brennt es buchstäblich: Vor unseren Augen entwickelt sich der Islamismus zu einem immer größeren Problem, der ganze Stadtviertel zur No-Go-Area für Juden, Homosexuelle und Frauen macht. 45 Prozent der jungen Muslime in Deutschland zeigen eine manifeste islamismusaffine Einstellung, und Deutschland fragt sich, ob Friedrich Merz noch Herr im eigenen Haus ist.
Im Windschatten der Merz’schen Selbsteskalation passiert noch nebenbei so allerhand, von dem kaum einer Notiz nimmt: Ein Regierungssprecher kündigt an, dass die Bundesregierung nunmehr einhellig die wahnsinnige Idee einer Übergewinnsteuer verfolgt.
Die Bundesnetzagentur arbeitet gerade daran, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, große Stromverbraucher in „strukturellen Mangellagen“ vom Netz zu nehmen, weil eine selbstzerstörerische Energiepolitik in Deutschland seit Jürgen Trittin diese immer wahrscheinlicher macht.
Über all diese Themen müsste und könnte man streiten, aber das Land ist wie paralysiert von einem Kanzler, an dem nichts mehr berechenbar scheint, außer dass er weitere Wahlversprechen zugunsten einer dahinsiechenden Sozialdemokratie abräumt. Die Menschen sind unterdessen zurecht frustriert, denn während der Kanzler „großzügig“ verkündet, ein Zusammentritt des Deutschen Bundestages zur Eidesleistung seiner Minister sei – entgegen dem Wortlaut der Verfassung – bis September nicht notwendig und zu teuer, können die Bürger von dieser Großzügigkeit im Umgang mit dem Staat nichts erwarten. Wenn ein Unternehmer die Frist für Dokumentationspflichten nicht einhält, gibt es ein Bußgeld. Wenn die Mitglieder der Bundesregierung ihre Bindung an Volk, Verfassung und Gesetze nicht durch den verfassungsmäßigen Eid rechtzeitig dokumentieren können, gibt es ein lakonisches Schulterzucken von Friedrich Merz.
Aber auch die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Land fühlen sich nicht ohne Grund verhöhnt. Denn während rhetorisch immer mehr an die Leistungsbereitschaft der Menschen appelliert wird, rechnen diese einfach nach. Der Befund ist bei vielen eindeutig: Mehrarbeit, mehr Leistung, mehr Brutto zahlt sich in vielen Fällen einfach nicht aus. Ein dysfunktionales, kaputtes und viel zu kompliziertes Steuersystem macht es möglich. Und während Entlastung gepredigt wird, wird im selben Moment mehr Belastung beschlossen, wie jüngst beim Rentenpaket.
Die Deutschen sind nicht faul, sondern leben in einem System, das Leistung nicht belohnt und im Extremfall sogar bestraft. Kein Gottesurteil besagt, dass die Energiepreise immer weiter steigen müssen, sondern es sind politische Entscheidungen, die dafür verantwortlich sind. Die Deindustrialisierung Deutschlands und das Verschlafen der KI sind keine Zwangsläufigkeiten, sondern Versäumnisse der Verantwortlichen.
Extremismus besiegt man nicht mit Symbolpolitik, sondern mit einer Strategie, die diejenigen deradikalisiert, die noch zu deradikalisieren sind, und diejenigen, die sich zu Feinden unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung erklärt haben, auch als solche behandelt.
Eine andere Politik für Deutschland ist möglich. Aber die Richtlinien der Politik werden derzeit von einem Mann bestimmt, der weder das Handwerkszeug noch die Idee dafür hat, wie diese andere Politik umzusetzen ist. Und das Land vergisst über diese Kanzlerkrise um eine bessere Politik zu ringen. Dabei liegen die Lösungen auf der Hand. Die Energieversorgung für Deutschland kann diversifiziert und ausgebaut werden, was die Hebung heimischer Ressourcen und die Atomkraft nicht aus ideologischen Gründen ausschließen darf. Die Überlegungen zu einem einfachen, gerechten und transparenten Steuersystem sind vielfältig ausformuliert. Der Wahnsinn der bürokratischen Lasten für die deutsche Wirtschaft wurde ausreichend besprochen. Man muss es jetzt aber auch endlich einmal angehen, unter Zurückstellung persönlicher Befindlichkeiten. Der letzte Spitzenpolitiker in Regierungsverantwortung, der diesen Schritt bereit war zu gehen, war Christian Lindner. Er wurde erwartungsgemäß von denen, die es nicht verstehen wollen, diffamiert. Diejenigen, die es besser wussten, haben auf Friedrich Merz gesetzt, weil es opportun erschien. Und weil es in der öffentlichen Diskussion wahrscheinlich auch bequemer war. Man sehe mir nach, dass ich hoffe, dass diejenigen jetzt wenigstens ein schlechtes Gewissen plagt.
Ich muss und kann der CDU keine wohlfeilen Ratschläge von außen geben und die Krokodilstränen, die von dort schon über meine Partei vergossen wurden, zurückgeben. Das ist albern. Ich kann nur dringend davor warnen, dass wir uns mit dem Zustand des Landes und der Debatte abfinden, die Friedrich Merz mit seinen erratischen und unkontrollierten Anwandlungen verursacht. Es geht nicht um Kanzlerbefindlichkeiten. Es geht um unser Land.
KUBICKI-Interview: Merz hat das Vertrauen der Union verloren
1.8.26: Der FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki gab der „Rheinischen Post“ und „rp-online.de“ das folgende Interview. Die Fragen stellten Birgit Marschall und Mey Dudin:
Frage: Herr Kubicki, Kanzler Merz hat den Rücktritt von Unionsfraktionschef Jens Spahn für einen größeren Personalumbau genutzt. Wie bewerten Sie seine Entscheidungen?
Kubicki: Was mich wirklich umtreibt, ist nicht die inhaltliche Entscheidung, sondern die Art und Weise: Jemanden im Urlaub anzurufen und ihm per Telefon mitzuteilen, dass er entlassen wird oder dass Gesundheits-Staatssekretär Tino Sorge seine Entlassung nicht vom Kanzler persönlich erfährt – das ist an Stillosigkeit kaum zu überbieten. Die Stilfrage ist gerade bei Bürgerlichen eine sehr wichtige. Und die hat Friedrich Merz komplett vergeigt.
Frage: Ex-CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann als neuer Gesundheitsminister – ist das eine gute Idee?
Kubicki: Der Reformdruck im Gesundheitsbereich ist enorm. Linnemann war eines der wenigen ordnungspolitischen Highlights der Union, eine Brücke in die Wirtschaft. Die versteht diese Entscheidung übrigens auch nicht. Diese wichtige Brücke fehlt jetzt.
Frage: Der Unmut in der Union über die Personalpolitik hat den Kanzler geschwächt. Nutzt das der FDP?
Kubicki: Ich habe den großen Ärger in der Union mit einem weinenden und einem lachenden Auge zur Kenntnis genommen. Es ist eine erhebliche Schwächung des Kanzlers. Wenn stimmt, was aus Präsidium und Bundesvorstand berichtet wird, hat Merz ein riesiges Führungsproblem – er hat offensichtlich das Vertrauen tragender Säulen der Union verloren.
Frage: Werden frustrierte Unionswähler jetzt zur FDP wechseln?
Kubicki: Zurückkehren – ja. Die FDP hatte 1,2 Millionen Wählerinnen und Wähler an die Union verloren. Die sehen sich jetzt von Merz enttäuscht. Die FDP erholt sich gerade von der Ampel-Zeit. Beides zusammen wird dazu führen, dass wir wieder eine starke, gestaltende Kraft werden.
Frage: Kann das schon bei den ostdeutschen Wahlen im September gelingen?
Kubicki: In Sachsen-Anhalt zum Beispiel haben wir uns in nur acht Wochen in manchen Umfragen schon verdoppelt. Wenn wir dort in den Landtag zurückkehren, ist das ein wesentlicher Meilenstein. Ich glaube, dass das möglich ist.
Frage: Eigentlich wollte die Koalition nach den Turbulenzen für ein, zwei Wochen Ruhe einkehren lassen. Doch nun proben die ostdeutschen CDU-Ministerpräsidenten den Aufstand gegen die Abschaffung der Rente mit 63 (heute 64,5). Sollte die Regierung an der Eins-zu-eins-Umsetzung der Reformkommissionsvorschläge festhalten – trotz des Widerstands?
Kubicki: Solche Forderungen nach einer Eins-zu-eins-Umsetzung kommen immer dann auf, wenn man keine politische Kraft mehr hat, Dinge politisch auszudiskutieren. Das gilt für die Koalition, aber auch unionsintern. Die Rentenexpertenkommission hat gute Vorschläge gemacht, aber auch manche, die ich für wirklich unvernünftig halte. Nicht mehr darüber zu diskutieren, halte ich für unparlamentarisch. Über Gesetzgebung entscheiden in Deutschland Bundestag und Bundesrat – und keine Expertenkommissionen, auch wenn die damit verbundenen Diskussionen der Union gerade wehtun.
Frage: Innenminister Alexander Dobrindt fordert nach dem CSD-Anschlag in Berlin härtere Strafen, etwa die Anwendung des Jugendstrafrechts nur bis 18 statt bis 21 Jahre bei Gefährdern. Unterstützen Sie das als Jurist?
Kubicki: Es ist absurd zu glauben, dass jemand, der aus religiöser Überzeugung einen Anschlag begeht, sich von einer Strafdrohung abhalten lässt. Entscheidend ist, dass wir die Strafrahmen ausschöpfen, die wir bereits haben. Der Berliner Richter hätte den Täter nicht freilassen müssen. Statt nach härteren Strafen zu rufen, sollten wir lieber über Fußfesseln für Gefährder nachdenken – die mildeste Maßnahme, aber wirksam, weil man Bewegungsprofile erstellen kann.
Frage: Was sagen Sie generell dazu, dass Homosexuelle immer mehr Angriffen ausgesetzt sind?
Kubicki: Als Gesellschaft muss man Homophobie offensiv entgegentreten – durch Solidarität mit den Betroffenen und durch Bildung. Wir müssen uns insbesondere damit auseinandersetzen, dass Menschen aus islamischen Ländern oft eine traditionelle Homophobie mitbringen. Was mich besonders betroffen macht: Wir können kaum noch Volksfeste feiern ohne Angst. Viele kleine Veranstaltungen finden schon nicht mehr statt, weil Vereine die Sicherungsauflagen nicht finanzieren können. Das nimmt uns ein deutliches Stück Freiheit.
Frage: Reicht das Reformprogramm der Bundesregierung aus, um mehr Wachstum zu erzeugen?
Kubicki: Momentan sehen wir noch gar nicht, dass Reformen umgesetzt werden. Die erste, kleinere Gesundheitsreform ist zwar durch den Bundestag, aber bei Rente und Bürokratieabbau steht die Befassung noch bevor. Ich sehe durch die Reformpläne auch keinen Wachstumsimpuls – und ohne Wachstum können wir unsere sozialen Leistungen nicht mehr finanzieren. Wenn Familienunternehmen und Mittelstand erklären, sie werden nicht entlastet, ist das ein Alarmsignal.
Frage: Wie würden Sie mehr Wachstum organisieren?
Kubicki: Wir würden mit einer spürbaren steuerlichen Entlastung beginnen. Die Einkommensteuer bei Familienunternehmen ist die betriebliche Steuer, also muss man sie senken. Beim Bürokratieabbau kann man schnell vorankommen: Viele Maßnahmen lassen sich mit einem Federstrich beseitigen. Das schafft Vertrauen. Wir verlieren jeden Monat 15.000 bis 20.000 Arbeitnehmer – Menschen, die nicht mehr in die Sozialsysteme einzahlen, sondern von ihnen leben.
Frage: Steuersenkungen und Schuldenabbau gleichzeitig – wie soll das gehen bei leeren Kassen?
Kubicki: Wie wäre es mit sparen? Wenn wir die Entwicklungshilfe auf das OECD-Mittelmaß absenken, sparen wir 14 Milliarden im Jahr und stehen mit zwölf Milliarden immer noch im Mittelfeld der Industrieländer. Dazu kommt: Bürgergeld, Heizkosten, Umschulungsmaßnahmen – das alles kostet enorm, ohne dass die Betroffenen den Schritt aus der Grundsicherung heraus machen. Weil es sich für viele schlicht nicht lohnt zu arbeiten, wenn sie kaum mehr verdienen als zuvor.
Frage: Welche Sorgen macht Ihnen die enorme Staatsverschuldung, die unter der Merz-Regierung um über eine Billion Euro ausgeweitet wird?
Kubicki: Der IWF hat uns bereits ins Stammbuch geschrieben, dass die Schuldentragfähigkeit ein riesiges Problem werden wird. Die Zinslast frisst einen immer größeren Teil des Haushalts und gefährdet die Zukunft junger Menschen. Und wohin fließt das Geld? Die Autobahngesellschaft zum Beispiel hat kein Geld für Brückensanierungen – obwohl wir 500 Milliarden Euro Kredite für die Modernisierung der Infrastruktur aufgenommen haben. Der Rechnungshof hat festgestellt, dass ein Großteil davon für andere Zwecke verwendet werden, nämlich zum Stopfen von Haushaltslöchern. Laut Institut der deutschen Wirtschaft wurden 2025 86 Prozent des Sondervermögens zweckentfremdet.
Frage: Darf die Schuldenbremse durch eine Reform weiter aufgeweicht werden?
Kubicki: Ich verstehe die Diskussion etwa bei Flutkatastrophen, deren Bewältigung über ein Jahr hinausgeht. Aber die Schuldenbremse hat einen Sinn: Die alte Schuldengrenze war bedeutungslos geworden, weil plötzlich alles als Investition galt. Deshalb wurde sie eingeführt. Wer sie jetzt für Ukraine-Hilfe, innere Sicherheit und alles Mögliche aussetzen will, öffnet alle Schleusen. Das ist Flucht in die Verantwortungslosigkeit.
Frage: Hält diese Bundesregierung bis zum Ende der Legislaturperiode?
Kubicki: Das hängt davon ab, ob die inneren Spannungskräfte in SPD und Union halten. Scheitert die SPD in Sachsen-Anhalt, kann ich mir kaum vorstellen, dass Lars Klingbeil und Bärbel Bas die Partei weiter führen werden. Schmiert die Union ab, wächst weiter der Druck auf Merz. Daniel Günther wird eine Diskussion über die Öffnung der Union zur Linkspartei anzetteln, andere werden die Öffnung zur AfD propagieren. Union und SPD sind weit davon entfernt, noch als Volksparteien zu gelten. Das schweißt erst mal zusammen – aber wenn der Druck zu groß wird, passiert etwas und die Koalition könnte zerbrechen. Sonst hangeln sie sich bis 2029 durch.
HÖNE/ZAYA-Interview: Der fette Staat muss endlich wieder fit werden
31.7.26: Der stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Henning Höne und das FDP-Präsidiumsmitglied Nadin Zaya gaben der „Westdeutschen Zeitung“ (Freitagsausgabe) das folgende Interview. Die Fragen stellte Olaf Kupfer.
Frage: Frau Zaya, seit einigen Wochen führt Wolfgang Kubicki die FDP als Vorsitzender. Sind Sie jetzt mit seiner Wahl einverstanden, nachdem Sie vorher gegen ihn waren?
Zaya: Es ist kein Geheimnis, dass ich anfangs skeptisch war, was Wolfgang Kubicki als Parteivorsitzenden angeht. Aber ich bin positiv überrascht. Sein Ton nach der Wahl gefällt mir. Er ist sich seiner Verantwortung bewusst – das merkt man. Und die Zusammenarbeit mit ihm macht großen Spaß.
Frage: Hatten Sie den Rückzug der Kandidatur von NRW-FDP-Chef Henning Höne für den FDP-Bundesvorsitz verstanden oder tragen Sie ihm den nach?
Zaya: Menschlich konnte ich das gut nachvollziehen. Henning kann jetzt im Präsidium genauso aktiv sein, wie er es als Vorsitzender hätte sein können. Vielleicht ist es auch einfach der richtige Zeitpunkt zu sagen: Ich konzentriere mich jetzt auf Nordrhein-Westfalen. Und: Das hat insgesamt eine neue Dynamik ausgelöst in der FDP, die uns guttut.
Frage: Sie gelten als das neue junge Gesicht der FDP, auf dem Bundesparteitag wurde ihre aufrüttelnde Rede gefeiert, Sie sind in den Bundesvorstand gewählt worden. Haben Sie diese elendige Ampel-Zeit tatsächlich schon hinter sich lassen können?
Zaya: Die hat – wie mit vielen anderen auch – sehr viel mit mir gemacht. Sie ist an niemandem spurlos vorbeigegangen. Ich war damals Landesvorsitzende der Jungen Liberalen in Niedersachsen und habe diese Zeit sehr intensiv erlebt. Es ist auch kein Geheimnis, dass ich ein großer Fan der sozialliberalen Idee war. Ich mochte den Koalitionsvertrag – allerdings muss man ihn als Vertrag lesen, der vor Putins Angriffskrieg geschlossen wurde. Und ja, wir haben in dieser Koalition manche Dinge schlechter geredet, als sie tatsächlich waren.
Frage: Herr Höne, können Sie nachvollziehen, wenn Menschen der FDP neues Vertrauen versagen, weil sie vielleicht zuerst mit der FDP die Ampel haben scheitern sehen?
Höne: Ich glaube, dass das die meisten Menschen deutlich weniger beschäftigt als die Politik oder die Medien. Wahltage sind zu oft Zeugnistage. Mir geht es aber nicht darum, den Blick zurück zu richten, sondern darum, wer die besten Antworten für die Zukunft hat. Ich möchte, dass die FDP die besten Ideen und Lösungen für unser Land entwickelt. Ich sehe in Deutschland eine große Lücke, weil dieses Land dringend Wirtschaftsreformen braucht und Werte wie Leistungsprinzip, Eigenverantwortung und Toleranz vielerorts verloren gegangen sind – und weil der Bundeskanzler derzeit täglich zeigt, dass er es nicht kann.
Frage: Wo spürt man denn konkret in der deutschen Politik, dass die FDP wirklich fehlt?
Höne: Beim 500-Milliarden-Euro-Schuldenpaket hat sich Friedrich Merz die Kanzlerschaft zulasten eines riesigen Schuldenbergs für unsere Kinder erkauft. Auch das Rentenpaket wird als großer Wurf verkauft, ist aber letztlich nur Mittelmaß und reine Symptombekämpfung. In diesem Land wird zu viel im Klein-Klein von Bürokraten und Technokraten gedacht. Die FDP will die großen Fragen angehen: Der fette Staat muss endlich wieder fit und funktionsfähig werden, die Steuern müssen runter, damit Menschen sich wieder etwas aufbauen können und zeitgleich müssen Unternehmerinnen und Unternehmer von einer untragbaren Bürokratielast befreit werden. Hier versagen Union und SPD komplett.
Frage: Also keinerlei Fortschritt, das ist ihre Diagnose?
Höne: Wenig Licht, viel Schatten. Trotz der Regierungs-PR wird am Ende dieses Jahres niemand netto mehr Geld in der Tasche haben. Es gibt minimale steuerliche Entlastungen, gleichzeitig aber massive Mehrbelastungen bei den Sozialversicherungen. Besonders Menschen mit geringem Einkommen trifft das hart. Dazu kommen höhere Belastungen durch Tabaksteuer, Zuckersteuer und vieles mehr. Der Staat nimmt insgesamt rund eine Billion Euro ein und schafft es trotzdem nicht, den Bürgern etwas mehr Luft zum Atmen zu lassen.
Frage: Und die FDP würde das alles ganz anders machen.
Höne: Genau das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Ich möchte, dass die Menschen wieder mehr selbst entscheiden können. Deshalb wollen wir den Staat wieder kleiner machen.
Frage: Was, Frau Zaya, kann die FDP bei den anstehenden Landtagswahlen erreichen. Herr Kubicki glaubt, schon in Sachsen-Anhalt werde sich das Comeback der Partei nachweisen.
Zaya: In Sachsen-Anhalt erleben wir einen AfD-Spitzenkandidaten, der auf perfide Weise ein bürgerliches Gesicht zeigt, hinter dem sich rechtsextreme Politik verbirgt. Das bereitet mir nicht nur als Liberale, sondern auch als Demokratin große Sorgen. Deshalb werde ich im Sommer so viel Zeit wie möglich in Sachsen-Anhalt verbringen, um Wolfgangs Optimismus auf die Straße zu tragen.
Frage: Wie sehen Sie das, Herr Höne?
Höne: Die Ausgangslage dort ist schwierig. Umso engagierter werden wir Wahlkampf machen. Die FDP sitzt in Sachsen-Anhalt im Landtag und ist dort auch an der Regierung beteiligt. Wir haben gute Strukturen im Landesverband – und die geben wir nicht auf. Die Umfragen zeigen zuletzt sogar wieder einen Aufwärtstrend. Die FDP war schon immer für Überraschungen gut.
Frage: Welche Rolle sehen Sie für sich, Frau Zaya? Medial wurde Ihnen zuletzt viel Aufmerksamkeit gewidmet.
Zaya: Ich habe fünf Wahlkämpfe, vier Jahre als Landesvorsitzende und mein Erstes Staatsexamen hinter mir. Das waren intensive Jahre. Eigentlich wollte ich 2026 nicht noch einmal kandidieren. Dann rief mich der Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen an und fragte, ob ich einen Platz im Präsidium übernehmen wolle. Ich hatte gerade angefangen, als Diplomjuristin in einer Großkanzlei zu arbeiten – das war mit einem Ehrenamt nicht leicht zu vereinbaren. Gleichzeitig hat mir das die Freiheit gegeben, zu sagen: Ich mache Politik nicht für meine Karriere, sondern weil ich an die liberale Idee glaube. Ich möchte die Perspektive der jungen Generation einbringen und das liberale Aufstiegsversprechen wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Ich bringe das ja durch meine Biografie mit. Ich wünsche mir einen Staat, der Chancen eröffnet, statt Steine in den Weg zu legen.
Frage: Haben Sie das selbst so erlebt, einen Staat, der Steine in den Weg gelegt hat?
Zaya: Ich bin heute da, wo ich bin, weil ich großes Glück hatte und viel Unterstützung von zu Hause bekommen habe. Nicht, weil der Staat gesagt hätte: Da ist ein junges Mädchen mit Potenzial, das fördern wir jetzt. Das Aufstiegsversprechen ist ein Kernthema der FDP. In den vergangenen Jahren ist es etwas in den Hintergrund geraten – das möchte ich ändern.
Frage: Und Sie, Herr Höne, bauen schon an der Kubicki-Nachfolge?
Höne: Ich baue am Comeback der FDP. Das tue ich gern im Präsidium. Und am besten gelingt das mit einer erfolgreichen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Dabei spielt auch das Aufstiegsversprechen eine große Rolle. Wir reden viel zu oft über Gymnasien und Hochschulen. Aber was ist mit Kitas und Grundschulen? Statt ständig über Vermögensungleichheit am Ende des Lebens zu diskutieren, sollten wir viel stärker über Chancengerechtigkeit am Anfang des Lebens sprechen. Ob Menschen später unterschiedlich vermögend sind, ist mir weniger wichtig. Dass Bildungserfolg nicht vom Elternhaus abhängt, ist es dagegen sehr wohl.
Frage: Haben Sie dafür konkrete Ideen?
Höne: Statt Kinder für 110 Millionen Euro zu neu eingerichteten Vorbereitungskursen in ABC-Klassen hier in NRW zu transportieren, sollten wir die Sprachförderung in den Kitas stärken. Außerdem müssen wir offen darüber sprechen, ob das letzte Kita-Jahr perspektivisch verpflichtend werden sollte. So hätten alle Kinder bessere Startchancen in der ersten Klasse. Außerdem wollen wir als Landesverband diskutieren, ob Grundschulen langfristig grundsätzlich Ganztagsschulen werden sollten. Dann gäbe es Unterricht und Betreuung aus einer Hand. Kein Grundschulkind müsste mehr Hausaufgaben mit nach Hause nehmen und wäre darauf angewiesen, dass die Eltern helfen können. Das sind zwei ganz konkrete Stellschrauben am Beginn der Bildungsbiografie. Die EU-Kommission hat 2023 berechnen lassen, welchen volkswirtschaftlichen Schaden der heutige Status quo in der Bildungspolitik verursacht. Für Deutschland liegt dieser bei rund 300 Milliarden Euro.
Zaya: Ich finde, dass wir den Bildungsföderalismus grundsätzlich neu diskutieren müssen. Selbst wenn man daran nichts ändern möchte, wären regelmäßige bundesweite Vergleichstests sinnvoll. Wir erleben doch, dass die Noten immer besser werden, die Leistungen aber immer schlechter. Diese Diskrepanz müssen wir sichtbar machen. Dafür bräuchte es lediglich Vereinbarungen der Bundesländer untereinander. Entscheidend sind die Kernkompetenzen: Lesen, Schreiben und Rechnen.
Höne: Da bin ich sofort dabei. Ich verspreche aber: Das Bildungssystem würde nicht automatisch besser, wenn es zentral aus Berlin gesteuert würde. Ich würde die Leitplanken im Föderalismus etwas enger setzen und für mehr Vergleichbarkeit sorgen. Gleichzeitig brauchen die Schulen deutlich mehr Eigenverantwortung. So wie wir einst die Hochschulfreiheit eingeführt haben, wünsche ich mir ein Schulfreiheitsgesetz. Schulleitungen sollten größere Budgets und mehr Gestaltungsspielraum erhalten – je nach regionalen Schwerpunkten. Und warum eigentlich nicht mit einer Doppelspitze? Eine Person für Pädagogik, eine für Personal und Finanzen.
Frage: Welche Wählerinnen und Wähler wollen Sie eigentlich zurückholen zur gebeutelten FDP, Herr Höne?
Höne: Wir sprechen alle Menschen an, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen, Verantwortung übernehmen, Leistung schätzen und in einer freien Gesellschaft leben wollen. Vor allem wollen wir diejenigen zurückgewinnen, die früher FDP gewählt haben und uns zwischenzeitlich verloren gegangen sind.
Frage: Und die jungen Menschen, Frau Zaya. Was finden die noch in der FDP?
Zaya: Wir sind die einzige Partei, die verhindert, dass meine Generation in 50 Jahren die Zeche zahlt. Die FDP war lange stärkste Kraft bei Jung- und Erstwählern. Diese Menschen haben wir bei den letzten Wahlen verloren – vor allem an die politischen Ränder. Das hat viel mit Perspektivlosigkeit zu tun. Mich hat das Wahlverhalten der 18- bis 21-Jährigen in den vergangenen Jahren sehr nachdenklich gemacht.
Frage: Was ist das liberale Ziel für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im April 2027?
Höne: Wir wollen das bestmögliche Ergebnis erreichen. Mit einem starken Landtagswahlergebnis wird NRW den entscheidenden Beitrag zum Comeback der FDP leisten.
Frage: Frau Zaya?
Zaya: Uns allen ist bewusst, dass diese Wahl für die FDP von zentraler Bedeutung ist. Auch aus niedersächsischer Sicht habe ich ein großes Interesse daran, dass wir in NRW und Schleswig-Holstein gut abschneiden. Denn sonst wird die Ausgangslage für die Landtagswahl in Niedersachsen im Herbst 2027 deutlich schwieriger.
FDP-Kreistagsfraktion zu Gast beim DRK-Kreisverband Rhein-Neckar/Heidelberg
Die „Chemie“ stimmte sofort beim Besuch der FDP-Kreistagsfraktion in der Kreisgeschäftsstelle des DRK-Kreisverbandes in Heidelberg. Man hatte einander viel zu sagen, und für die Liberalen gab es viel zu fragen. Aus der veranschlagten einstündigen Besprechung wurden beinahe zwei – und bis zum nächsten Besuch solle nicht allzu viel Zeit vergehen, meinten alle unisono.
Die Kreistagsfraktion mit ihrer Vorsitzenden Claudia Felden und der Heidelberger FDP-Kreisvorsitzende Thomas Emmerich sowie Bahnstadt-Bezirksbeirat Sebastian Derkau wurden von DRK-Präsident Jürgen Wiesbeck und Kreisgeschäftsführerin Caroline Falk begrüßt. Zunächst informierten beide über die räumliche Zuständigkeit, Struktur und Aufgabenstellung des Kreisverbandes, der die Stadt Heidelberg und den größten Teil des Rhein-Neckar-Kreises umfasst (außer dem Norden und Südwesten, für den der DRK-Kreisverband Mannheim zuständig ist). 460 000 Einwohner leben im Verbandsgebiet. In 41 Ortsverbänden gibt es mehr als 2000 ehrenamtlich Aktive und 321 Hauptamtliche, die mehr als 50.000 Einsätze pro Jahr bewältigen. Mehrere tausend Kunden nehmen das Hausnotrettungsangebot des DRK in Anspruch. Rund 20 000 Mitglieder fördern die lebensrettende und lebenserhaltende Arbeit des Roten Kreuzes, dessen Aufgaben so komplex sind, dass es nicht möglich war, im Rahmen des Vor-Ort-Besuches hierauf im Einzelnen einzugehen.
Daher wurde das Thema „Zukunft Neubau“ in den Mittelpunkt gerückt. Dass ein neues Rettungszentrum schon lange erforderlich ist, wurde den Liberalen rasch klar. Mit einer Infrastruktur aus den 50er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts können die Gegenwartsaufgaben nur sehr schwer, die Zukunftsaufgaben aber gewiss nicht mehr qualitativ und quantitativ bewältigt werden. Erste Überlegungen für das neue Rettungszentrum wurden vor 20 Jahren angestellt, so Jürgen Wiesbeck. Die Planungen seien inzwischen so weit gediehen, dass man als Fertigstellungszeitraum 2029 nennen könne. Auf einer ehemaligen Nato-Liegenschaft an der Rudolf-Diesel-Straße könne optimale Einsatzfähigkeit erreicht werden. Die bisherige Kapazität werde verdreifacht. Damit sei das DRK im Rhein-Neckar-Kreis und in Heidelberg gut für die Zukunft gerüstet – auch im Blick auf den immer notwendiger werdenden Bevölkerungsschutz bei Katastrophenfällen jedweder Art.
Die FDP-Mandatsträger aus Heidelberg und dem Rhein-Neckar-Kreis dankten für die umfassende und wertvolle Information und die lebhafte Diskussion. Claudia Felden sagte zu, ihre Fraktion werde auch künftig die Arbeit des DRK im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten kreisseits fördern. (DH)
HAGEN-Gastbeitrag: Rolle der FDP – ein echter Gegenentwurf statt Schattierung des Mainstreams
27.7.26: Der FDP-Generalsekretär Martin Hagenschrieb für „Focus“ den folgenden Gastbeitrag:
Die Wahl Wolfgang Kubickis an die Spitze der FDP hat meiner Partei neues Leben eingehaucht – einer Partei, die viele bereits abgeschrieben hatten. Noch vor wenigen Monaten wurde sie in bundesweiten Umfragen unter „Sonstige“ geführt. Heute sehen die Institute uns zwischen vier und fünfeinhalb Prozent. In Sachsen-Anhalt, wo Anfang September ein neuer Landtag gewählt wird, rechnen Demoskopen der FDP um Spitzenkandidatin Lydia Hüskens plötzlich wieder reelle Chancen auf den Wiedereinzug aus.
Doch die Fünf-Prozent-Hürde kann nicht unser Ziel sein. Bestenfalls ist sie eine Etappe. Die eigentliche Frage lautet: Welche Rolle kann eine liberale Partei in einem politischen Umfeld spielen, das sich gerade von Grund auf neu sortiert? Und wie kann sie unserem Land eine neue, bessere Richtung geben?
Das deutsche Parteiensystem befindet sich in einem tektonischen Wandel. Was in vielen anderen europäischen Ländern längst Realität ist – die Pulverisierung der traditionellen Volksparteien – vollzieht sich nun auch bei uns. Die Union droht bundesweit unter die Zwanzig-Prozent-Marke zu fallen, die SPD dümpelt bei knapp über zehn Prozent.
Wo Altes erodiert, entstehen neue politische Räume. Die spannende Frage ist: Wer füllt sie? Zuletzt konnten vor allem die extremen Ränder profitieren – AfD und Linkspartei. Doch diese Entwicklung ist kein Naturgesetz. In der Neusortierung der politischen Landschaft liegen große Chancen für eine liberale Partei. Um sie zu nutzen, darf sie sich aber nicht als Sachverwalterin des Status quo verstehen, sondern als die Kraft, die ihn überwindet. Wer heute glaubt, innerhalb der alten Strukturen lediglich ein paar Stellschrauben justieren zu müssen, hat die Dramatik der Lage nicht begriffen. Es braucht die Bereitschaft, Bestehendes radikal infrage zu stellen und zu verändern.
Deutschland krankt nicht an einem zu schwachen, sondern an einem überdehnten Staat. Immer mehr Bereiche des Lebens und der Wirtschaft werden reguliert, gesteuert und kontrolliert. Die Politik der schwarz-roten Bundesregierung lässt die Staatsquote steigen und die Verschuldung explodieren. Der Staat wächst – und versagt gleichzeitig zunehmend bei seinen Kernaufgaben. Der Eindruck, dass in diesem Land vieles nicht mehr so funktioniert, wie es sollte, prägt längst die öffentliche Wahrnehmung.
Auf ihrem jüngsten Bundesparteitag hat die FDP skizziert, wie der notwendige Befreiungsschlag aussehen kann: Ein radikal vereinfachtes Steuersystem. Der Abbau von über 100 Bundesbehörden. Die Abschaffung bürokratischer EU-Verordnungen. Eine grundlegende Reform der Alterssicherung hin zur Kapitaldeckung. Die Bündelung sozialer Transferleistungen in einer negativen Einkommensteuer. All dies folgt einer gemeinsamen Idee: Ein schlanker, effizienter Staat, der sich auf das Wesentliche konzentriert, den Bürgern mehr Eigenverantwortung und den Unternehmen mehr wirtschaftliche Freiheit lässt.
Auch in der Klima- und Energiepolitik zeigt die FDP unter ihrer neuen Führung den Mut zu klarer Kante: Klimapolitische Alleingänge, die unsere Wirtschaft ruinieren, ohne das Weltklima zu retten, wollen wir konsequent beenden. Das gilt für das Ziel der Bundesregierung, Deutschland bereits bis 2045 treibhausgasneutral zu machen, ebenso wie für die nationale CO2-Abgabe, die derzeit das Tanken und Heizen massiv verteuert.
Statt Energieeinsparung – und damit Wohlstandsverluste – politisch zu verordnen, wollen wir das Energieangebot deutlich ausweiten, auch durch die Nutzung von Kernkraft und heimischem Schiefergas. Die Erneuerbaren sollen im Energiemix eine wichtige Rolle spielen, müssen sich aber endlich im Wettbewerb beweisen, statt dauerhaft am Subventionstropf zu hängen.
Zu oft kreist die politische Debatte um die Frage, wie der Staat noch mehr verteilen kann. Viel zu wenig wird dagegen diskutiert, wie Wohlstand überhaupt entsteht. Ohne wirtschaftliche Leistungsfähigkeit gibt es nichts zu verteilen. Doch unser Land steckt immer noch in einer tiefen Wirtschaftskrise. Marktwirtschaftliche Reformen, die endlich wieder Wachstum entfesseln könnten, bleibt die schwarz-rote Regierung schuldig.
Liberale wissen: Innovation und Wohlstand entstehen nicht durch staatliche Planung, sondern durch unternehmerische Initiative, wissenschaftliche Freiheit und funktionierenden Wettbewerb. Sie entstehen dort, wo Menschen Ideen entwickeln, Risiken eingehen, Neues ausprobieren und Verantwortung übernehmen. Die Aufgabe des Staates besteht darin, Eigentum zu schützen, faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen und für verlässliche Spielregeln zu sorgen – nicht darin, selbst zum Unternehmer oder Investor zu werden.
Wie dringend eine liberale Partei gebraucht wird, zeigt eine Allensbach-Umfrage: Der Anteil der Deutschen, die meinen, der Staat mische sich zu sehr in das Leben der Bürger ein, ist seit 2013 von 38 auf 50 Prozent gestiegen. Diese Zahl erzählt zwei Geschichten: von einer zunehmend übergriffigen Politik – und von einer wachsenden Sehnsucht der Bürger nach Selbstbestimmung.
Hier liegt das Potential für die FDP: eine Partei, die sich konsequent für wirtschaftliche, persönliche und geistige Freiheit einsetzt. Die individuelle Lebensentscheidungen nicht lenken oder moralisch kommentieren will. Die auf Eigenverantwortung, Wettbewerb, Rechtsstaatlichkeit und Bürgerrechte setzt. Auf einen Staat, der sich zurücknimmt und gleichzeitig dort Handlungsfähigkeit beweist, wo der Schutz individueller Freiheit nach starken Institutionen verlangt.
Mit Friedrich Merz hatten viele Bürger die Hoffnung auf einen grundlegenden Politikwechsel verbunden. Diese Hoffnung wurde bitter enttäuscht. Die amtierende Bundesregierung ist die unbeliebteste in der Geschichte der Bundesrepublik. Noch schwerer wiegt: Das Vertrauen vieler Menschen in die Problemlösungsfähigkeit der Institutionen schwindet. Der politische Betrieb insgesamt wird zunehmend als entrückt und dysfunktional wahrgenommen.
Weite Teile des Establishments reagieren mit Wagenburgmentalität. Sie erklären eingeschlagene Wege für alternativlos – selbst dann, wenn sie sich längst als Irrwege erwiesen haben. Kritik wird delegitimiert, wer zweifelt, macht sich verdächtig. Gerade dadurch aber verliert eine offene Gesellschaft ihre größte Stärke: die Fähigkeit zur Selbstkorrektur.
Viele von denen, die in Sonntagsreden die Demokratie beschwören, verkennen ihren Wesenskern: Sie ist kein Safe Space für Gleichgesinnte, sondern lebt vom Streit, vom offenen Wettbewerb der Ideen. Sie beweist ihre Stärke nicht durch die Abwesenheit von Konflikten, sondern durch ihre Fähigkeit, diese friedlich auszutragen. Das setzt voraus, dass die Verhältnisse durch Wahlen tatsächlich verändert werden können.
Je ähnlicher sich die Parteien der politischen Mitte werden, je stärker sie sich als Einheitsfront gerieren, desto mehr erscheinen die populistischen Ränder als einzig erkennbare Alternative. Für die Zukunft unseres politischen Systems ist es deshalb entscheidend, den Liberalismus als eigenständige, attraktive Idee zu etablieren, die mehr ist als konturenlose Mitte, mehr als eine weitere Schattierung des Mainstreams.
Das Programm der FDP muss ein echter Gegenentwurf zur aktuellen Politik sein. Es muss den Niedergangs-Narrativen eine positive Vision für die Zukunft entgegensetzen. Eine Vision von einem Land, in dem wieder Aufstieg möglich ist, in dem Leistung sich wieder lohnt, in dem der Einzelne wieder zum Architekten seines Lebens wird.
Ich bin überzeugt: Meine Partei hat die Chance, sich als feste Größe in einem veränderten Parteiensystem zu etablieren und die Politik in Deutschland entscheidend zu prägen. Entscheidend ist die Klarheit unseres Angebots und der Mut, es auch bei Gegenwind selbstbewusst zu vertreten. Die Zeit der Anpassung ist vorbei.